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Ausgabe 2010/01
Januar/Februar

Liselotte Kunkel

MUSIK DES 20. JAHRHUNDERTS MIT VIELEN TRADITIONELLEN MOMENTEN
Kompositionstechniken im Chorwerk von Knut Nystedt

Der Komponist Knut Nystedt feiert am 3. September 2010 seinen 95. Geburtstag.
Weit über sein Heimatland Norwegen hinaus ist er vor allem durch seine Werke für Chor a cappella bekannt. In den Stücken des langjährigen Organisten und Dirigenten, der bereits durch sein Elternhaus christlich geprägt und mit Kirchenmusik in Berührung gebracht wurde, finden sich Einflüsse des Gregorianischen Chorals und der klassischen Vokalpolybelstellen oder anderen sakralen Themen. Die Klangsprache von Nystedts Chorstücken enthält – gemessen an der Entstehungszeit – viele Abschnitte in stabiler
Dur-/Moll-Tonalität, mitunter mit neomodalen Elementen. Bei der Betrachtung der
Harmonik in diesen traditionell, mitunter spätromantisch geprägten Abschnitten, fallen Fakturen und Idiome auf, die sich in Chorstücken unterschiedlichen Charakters
wiederfinden. In den folgenden Ausführungen, die natürlich nur Schlaglichter auf die kompositorische Vielfalt Nystedts werfen können, sollen folgende Aspekte angesprochen werden:
– charakteristische Akkordtypen
– typische Figurationen
– Pendel und Kadenzen
– tonale und reale Mixturen (also Parallelführungen von Mehrklängen)
– Orgelpunkte in verschiedenen Stimmen
Die Charakteristik der Klangsprache sowie die Ausprägung der jeweiligen Tonalität
kann am besten in längeren, mehrtaktigen Ausschnitten betrachtet werden. Dabei
treten mitunter mehrere der genannten Elemente gleichzeitig auf.

Elemente des 19. und 20. Jahrhunderts in Kombination
Zwei Ausschnitte aus der Vertonung einer norwegischen Volksweise zeigen die
Kombination von romantisierenden und moderneren Klängen. Im Notenbeispiel 1
schließt das Werk: zwei traditionellen Pendeln der Stufenfolge I-VII o7-I (d-cis
o7-d). Typisch romantisch erscheinen dabei die abspringenden Nebennoten in T.
60 (Töne f2 und h1 im Sopran), moderner hingegen die – für Nystedt überaus typische
– Quartsextumkehrung im Schlussakkord. Der zweite Alt singt ab T. 59 (Akzent-)
Oktavparallelen zum Sopran. Solche Parallelführungen treten auch in anderen
Chorwerken Nystedts auf, meist in kurzen Passagen.

Notenbeispiel 1:
Jeg lagde meg sa sildig
– Als ich mich niederlegte, T. 59–61.
Chorsatz: Knut Nystedt,
Textübertragung: Ha ns-Jürgen Habelt,
Copyright © by Möseler Verlag, Wolfenbüttel

 

 

 

 

 

 

 

 




Das zitierte melodische Motiv des Soprans wird an einer früheren Stelle des Werks anders harmonisiert. Hier findet sich das Pendel I-II-I (d-e o-d) mit dem merkwürdig kargen verminderten Dreiklang in der Mitte. Dieser Klang kommt traditionell entweder als Sextakkord oder aber in Grundstellung als Vierklang vor und wirkt in der Ausprägung als verminderter Dreiklang in Grundstellung ebenso unvollständig wie die Klänge G-Dur
in T. 39, letztes Sechzehntel, und A-Dur in T. 40, 1. Viertel (Notenbeispiel 2). Diese beiden Klänge treten jeweils ohne Quinte auf. Solche Zweiklänge finden sich ähnlich an vielen anderen Stellen der Chorsätze. Auch dieser Abschnitt schließt mit einer labilen Dreiklangsumkehrung, einem d-Moll-Sextakkord. Romantisierend klingen die akkordfremden betonten Figurationen der Melodie im genannten Pendel mit den Tönen f in T. 38, 2. Viertel (einspringende Nebennote) und e in T. 39, 1. Viertel (Vorhalt).

Notenbeispiel 2:
Jeg lagde meg sa sildig – Als ich mich
niederlegte, T. 38–40

 

 

 

 

 

 

 

 


Bei der ersten Harmonisierung des melodischen Motivs (Notenbeispiel 3) findet sich einleitend der Anfang einer Kadenz mit der Stufenfolge I-II (als Sekundakkord) -V (d-eø2-A), wiederum mit figurativem Akzent der Oberstimme. Der Sekundakkord droht – versetzt auf den Basston c – die Tonalität in T. 18, 2. Viertel, kurzzeitig zu sprengen, bis der Abschnitt mit einer VII-I-Wendung (cis o7-d) beschlossen wird. Die I tritt wiederum mit der Quinte im Bass, also als Quartsextakkord, auf.

Notenbeispiel 3:
Jeg lagde meg sa sildig –
Als ich mich niederlegte, T. 17–19

 

 

 

 

 

 

 

 


Den vollständigen Artikel finden Sie in der Printausgabe der Musica sacra

 
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