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Ausgabe 2010/01
Januar/Februar

Markus Eham

MUT ZUR NEUEN MUSIK – OFFENBARUNG ALS ZUMUTUNG
Festvortrag bei der Akademie anlässlich der Eröffnung der Tage neuer Kirchenmusik am 26. September 2009 im Herzoglichen Georgianum München

Entrata: Warum Tage neuer Kirchenmusik?
1. Der Münchener Diözesanmusikdirektor, Bernward Beyerle, und das Münchener Amt für Kirchenmusik haben sich und vielen anderen eine Menge Arbeit gemacht; schon bei den ersten „Tagen neuer Kirchenmusik 2006“ und nun nach drei Jahren wieder: Chöre greifen zu gewagten Stücken, Kirchenmusiker zum Taktstock, Organisten in die Tasten, Komponisten und Referenten zur Feder, um neue geistliche Musik zu schaffen und sie dem mehr oder weniger geneigten Hörer darzubieten oder nahezubringen.
Ist die Aktion denn notwendig? Muss die Kirche die moderne Manie des ständigen
Update, den „Kult des immer Neuen“, auch noch nachmachen? Möglicherweise mit
dem Ergebnis, dass wir die schrägen Töne von experimentierwütigen Tonkünstlern
auch im Gottesdienst ertragen müssen. Ist dann nicht einmal mehr die Liturgie Insel
des Wohlklangs mitten im Meer der misstönigen Welt, Oase vertrauter Töne und
bewährter Ordnung, Anklang heiliger und daher auch heiler Welt?
Eine solche konservative Grundhaltung bestätigen offenbar auch die Ergebnisse einer Langzeiterhebung, die im Vorfeld der Arbeiten am neuen Gesangbuch über den Einsatz von Gesängen im Gottesdienst durchgeführt wurde: Zeigte sich doch, dass über vier Jahre hinweg in ganz verschiedenen Gemeinden nahezu dasselbe Repertoire gesungen wurde; gilt, was im Lied (GL 257,1) von Gott gesungen wird, auch für die Liturgie der Kirche: „Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit“? Die liturgischen Töne, die
2007 von Rom her vernehmbar wurden, klingen ja nicht gerade nach Zukunftsmusik,
sondern mehr nach außerordentlichen Kadenzschritten über das 19. zurück in das 16. Jahrhundert. Kirchenmusikalisch wurde dieser rituelle Flashback allerdings nicht eigens durchbuchstabiert; das Motu Proprio Summorum Pontificum und der päpstliche Begleitbrief enthalten keine Silbe über die musikalische Gestalt des außerordentlichen Messritus – eigentlich entlarvend konsequent, da Gesang und Musik in der vorkonziliaren Sicht eben gar nicht wesentlich zur Liturgie gehören.

2. Aber nun sind Bernward Beyerle und das Münchener Amt für Kirchenmusik ja schon „Wiederholungstäter.“ Und sie haben dieses Jahr bei den Tagen neuer Kirchenmusik „Komplizen“ gefunden; ihr Bekennerruf „Mut zur neuen Musik“ hat weithin Widerhall gefunden, und nun stoßen alle anderen bayerischen Bistümer programmatisch in ebendieses Horn. Mit gutem Grund: Hat doch die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils in Art. 121 den Kirchenmusikern einen zweifachen Auftrag ins Stammbuch der liturgischen Erneuerung geschrieben: Sie sollen den Schatz der kirchenmusikalischen Überlieferung bewahren und das Repertoire durch Kompositionen nach den Erfordernissen für die erneuerte Liturgie weiterschreiben. Die Kirche will also
auch musi kalisch Zeitgenossenschaft; erfährt sie sich doch, wie es in der Pastoralkonstitution heißt „mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens
verbunden.“(1) Der Glaube wurzelt zwar in einem Ereignis „von damals“, aber er ist nicht von gestern. Wenn er, wie Paulus sagt, vom Hören kommt, dann muss man, dass er nicht von gestern ist, besonders auch der Musik anhören, die von ihm kündet.

Intermezzo: Den Glauben zum Klingen bringen – Wie steht es um die musikalische Zeitgenossenschaft in der Kirche durch die Zeiten?(2)
1. Lange Zeit auf der Höhe der Zeit: Seit ihren Anfängen will die Kirche in der Verkündigung auf Augenhöhe mit der jeweiligen Gegenwart sein. So geben etwa frühe
Darstellungen der Kirche als Schiff den jeweils neuesten Stand der Schiffbautechnik
wieder. Analoges gilt von der Musik. Der Durchbruch zur Mehrstimmigkeit in der abendländischen Musikgeschichte geschah auf dem Boden der Liturgie. Bis in das 18. Jahrhundert spiegelt die Musik, die im Gottesdienst vorkam, immer den kompo-sitorischen Entwicklungsstand der Zeit wider: seien es die Motetten und Messen
von Guillaume Dufay, Josquin Desprez, Orlando di Lasso oder Wolfgang Amadeus
Mozart. Allerdings haben wir es in diesen Epochen mit ganz anderen soziologischen
und liturgischen Voraussetzungen als heute zu tun:
– Die Ausführenden der Musik im Gottesdienst waren größtenteils Profis, nicht musikalische Laien.
– Die Rolle, die der Musik in der Liturgie zukam, änderte sich: Es ging immer weniger darum, in der Vertonung des biblischen Wortes der gemeinsamen Feier der Liturgie selbst klanglichen Ausdruck zu geben, sondern einen zur persönlichen Anbetung stimmenden, repräsentativen Klangraum zu schaffen für die heilige Handlung, die vom
hauptamtlichen liturgischen Personal zu vollziehen war.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Printausgabe der Musica sacra


ZUM AUTOR

 

Markus Eham, geboren 1958, Studium
der katholischen Theologie an der Ludwig-
Maximilians-Universität München,
1986 Promotion zum Dr. theol.;
seit 1993 Professor für Liturgik, Musik
und Stimmbildung an der Fakultät für
Religionspädagogik und Kirchliche
Bildungsarbeit der Kath. Universität
Eichstätt-Ingolstadt. Publikationen im
Bereich Liturgie/Kirchenmusik u. a.:
Münchener Kantorale (Planegg 1991-
1996); Morgenlob-Abendlob. Mit der
Gemeinde feiern (Planegg 2000-2004;
Mitarbeit); Gesänge aus dem Deutschen
Messantiphonale von Heinrich Rohr
, Trier 2000, Klangbilder der Liturgie, Trier 2005. Mitarbeit am neuen Gotteslob; Mitheraus- geber der Max-Eham-Edition (Verlag St. Michaelsbund München).

 
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