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Markus
Eham
MUT ZUR NEUEN MUSIK – OFFENBARUNG ALS ZUMUTUNG
Festvortrag bei der Akademie anlässlich der Eröffnung
der Tage neuer Kirchenmusik am 26. September 2009 im Herzoglichen
Georgianum München
Entrata: Warum Tage neuer Kirchenmusik?
1. Der Münchener Diözesanmusikdirektor, Bernward Beyerle,
und das Münchener Amt für Kirchenmusik haben sich und
vielen anderen eine Menge Arbeit gemacht; schon bei den ersten
„Tagen neuer Kirchenmusik 2006“ und nun nach drei
Jahren wieder: Chöre greifen zu gewagten Stücken, Kirchenmusiker
zum Taktstock, Organisten in die Tasten, Komponisten und Referenten
zur Feder, um neue geistliche Musik zu schaffen und sie dem mehr
oder weniger geneigten Hörer darzubieten oder nahezubringen.
Ist die Aktion denn notwendig? Muss die Kirche die moderne Manie
des ständigen
Update, den „Kult des immer Neuen“, auch noch nachmachen?
Möglicherweise mit
dem Ergebnis, dass wir die schrägen Töne von experimentierwütigen
Tonkünstlern
auch im Gottesdienst ertragen müssen. Ist dann nicht einmal
mehr die Liturgie Insel
des Wohlklangs mitten im Meer der misstönigen Welt, Oase
vertrauter Töne und
bewährter Ordnung, Anklang heiliger und daher auch heiler
Welt?
Eine solche konservative Grundhaltung bestätigen offenbar
auch die Ergebnisse einer Langzeiterhebung, die im Vorfeld der
Arbeiten am neuen Gesangbuch über den Einsatz von Gesängen
im Gottesdienst durchgeführt wurde: Zeigte sich doch, dass
über vier Jahre hinweg in ganz verschiedenen Gemeinden nahezu
dasselbe Repertoire gesungen wurde; gilt, was im Lied (GL 257,1)
von Gott gesungen wird, auch für die Liturgie der Kirche:
„Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit“?
Die liturgischen Töne, die
2007 von Rom her vernehmbar wurden, klingen ja nicht gerade nach
Zukunftsmusik,
sondern mehr nach außerordentlichen Kadenzschritten über
das 19. zurück in das 16. Jahrhundert. Kirchenmusikalisch
wurde dieser rituelle Flashback allerdings nicht eigens durchbuchstabiert;
das Motu Proprio Summorum Pontificum und der päpstliche
Begleitbrief enthalten keine Silbe über die musikalische
Gestalt des außerordentlichen Messritus – eigentlich
entlarvend konsequent, da Gesang und Musik in der vorkonziliaren
Sicht eben gar nicht wesentlich zur Liturgie gehören.
2. Aber nun sind Bernward Beyerle und das Münchener
Amt für Kirchenmusik ja schon „Wiederholungstäter.“
Und sie haben dieses Jahr bei den Tagen neuer Kirchenmusik „Komplizen“
gefunden; ihr Bekennerruf „Mut zur neuen Musik“ hat
weithin Widerhall gefunden, und nun stoßen alle anderen
bayerischen Bistümer programmatisch in ebendieses Horn. Mit
gutem Grund: Hat doch die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen
Konzils in Art. 121 den Kirchenmusikern einen zweifachen Auftrag
ins Stammbuch der liturgischen Erneuerung geschrieben: Sie sollen
den Schatz der kirchenmusikalischen Überlieferung bewahren
und das Repertoire durch Kompositionen nach den Erfordernissen
für die erneuerte Liturgie weiterschreiben. Die Kirche will
also
auch musi kalisch Zeitgenossenschaft; erfährt sie sich doch,
wie es in der Pastoralkonstitution heißt „mit der
Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens
verbunden.“(1) Der Glaube wurzelt zwar in einem Ereignis
„von damals“, aber er ist nicht von gestern. Wenn
er, wie Paulus sagt, vom Hören kommt, dann muss man, dass
er nicht von gestern ist, besonders auch der Musik anhören,
die von ihm kündet.
Intermezzo: Den Glauben zum Klingen bringen
– Wie steht es um die musikalische Zeitgenossenschaft in
der Kirche durch die Zeiten?(2)
1. Lange Zeit auf der Höhe der Zeit: Seit ihren
Anfängen will die Kirche in der Verkündigung auf Augenhöhe
mit der jeweiligen Gegenwart sein. So geben etwa frühe
Darstellungen der Kirche als Schiff den jeweils neuesten Stand
der Schiffbautechnik
wieder. Analoges gilt von der Musik. Der Durchbruch zur Mehrstimmigkeit
in der abendländischen Musikgeschichte geschah auf dem Boden
der Liturgie. Bis in das 18. Jahrhundert spiegelt die Musik, die
im Gottesdienst vorkam, immer den kompo-sitorischen Entwicklungsstand
der Zeit wider: seien es die Motetten und Messen
von Guillaume Dufay, Josquin Desprez, Orlando di Lasso oder Wolfgang
Amadeus
Mozart. Allerdings haben wir es in diesen Epochen mit ganz anderen
soziologischen
und liturgischen Voraussetzungen als heute zu tun:
– Die Ausführenden der Musik im Gottesdienst waren
größtenteils Profis, nicht musikalische Laien.
– Die Rolle, die der Musik in der Liturgie zukam, änderte
sich: Es ging immer weniger darum, in der Vertonung des biblischen
Wortes der gemeinsamen Feier der Liturgie selbst klanglichen Ausdruck
zu geben, sondern einen zur persönlichen Anbetung stimmenden,
repräsentativen Klangraum zu schaffen für die heilige
Handlung, die vom
hauptamtlichen liturgischen Personal zu vollziehen war.
Den vollständigen Artikel finden Sie
in der Printausgabe
der Musica sacra
ZUM AUTOR
Markus Eham, geboren 1958, Studium
der katholischen Theologie an der Ludwig-
Maximilians-Universität München,
1986 Promotion zum Dr. theol.;
seit 1993 Professor für Liturgik, Musik
und Stimmbildung an der Fakultät für
Religionspädagogik und Kirchliche
Bildungsarbeit der Kath. Universität
Eichstätt-Ingolstadt. Publikationen im
Bereich Liturgie/Kirchenmusik u. a.:
Münchener Kantorale (Planegg 1991-
1996); Morgenlob-Abendlob. Mit der
Gemeinde feiern (Planegg 2000-2004;
Mitarbeit); Gesänge aus dem Deutschen
Messantiphonale von Heinrich Rohr, Trier 2000, Klangbilder
der Liturgie, Trier 2005. Mitarbeit am neuen Gotteslob;
Mitheraus- geber der Max-Eham-Edition (Verlag St. Michaelsbund
München).
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