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Herbert
Glossner
KLÄNGE WIE WEISSES LICHT
Arvo Pärt zum 75. Geburtstag
Es war Musik aus fernen Welten, die vor mehr als einem Vierteljahrhundert
westliche Ohren erreichte. Doppelt fremd und fern, weil außer
den großen Namen von der Musikszene des Sowjetimperiums,
zu dem Estland damals gehörte, wenig nach außen drang.
Auch waren die Klänge befremdlich, sie schienen aus anderen
Sphären zu kommen, sie ließen Dreiklänge, suggestive
Repetitionen, Melodiebögen, reine Intervalle hören,
die Anhänger der Avantgarde längst abgeschrieben hatten.
Entsprechend zwiegespalten war das Echo, pendelnd zwischen Kitschverdacht
und befreitem Enthusiasmus. Arvo Pärt, der Name prägte
sich ein, seine Musik setzte sich durch, soweit genaues Zuhören
die Vorurteile zunichte machte. In späten Rundfunksendungen
mit Neuer Musik gab es Pärt; Manfred Eicher, Gründer
und innovativer Geist des Labels
ECM, war gepackt. 1984 startete er seine neue Reihe ECM New
Series mit Pärt, der
LP Tabula rasa, deren fast halbstündiges aufwühlendes
Titelwerk der Geiger Gidon
Kremer und die Geigerin Tatjana Gridenko mit Alfred Schnittke
am präparierten Piano musizierten. Der WDR Köln hatte
es 1977 live produziert. Außerdem dokumentierten
das Orchesterwerk Cantus in memory of Benjamin Britten
und Fratres in zwei Fassungen Pärts provokanten
Stil, jeweils Neuaufnahmen für diese Novität. Gidon
Kremer, der Geiger deutscher Herkunft aus Lettland, hatte seinen
baltischen Landsmann hierzulande eingeführt, zusammen mit
Keith Jarrett spielt er eine der
Varianten von Fratres. Zwei Künstler, die Manfred
Eicher sogleich für seine Pärt-
Präsentation im Sinn hatte.
In principio
In Tallinn hatte es ganz anders begonnen. Am 11. September 1935
in der kleinen estnischen Stadt Paide geboren, begann Arvo Pärt
1957 ein Musikstudium am Konservatorium Tallinn. Dort war Heino
Eller, der Vater der neueren estnischen Musik,
sein Lehrer. Nebenbei als Tontechniker beim Rundfunk arbeitend,
hatte er auch
die Chance, Film- und Theatermusik zu schreiben, und fand, ermuntert
von Eller,
erste Kontakte zu westlicher Musik. Doch erst mit den sechziger
Jahren wandte er
sich Dodekaphonie und Serialismus zu. Nekrolog für
großes Orchester erregte
1961/62 heftigen Anstoß. Das kurze Orchesterstück Perpetuum
mobile, Luigi Nono gewidmet, fand ein Jahr nach der Uraufführung
beim Warschauer Herbst internationale Aufmerksamkeit. Doch als
November 1968 seine erste geistliche Komposition, Credo,
in Tallinn uraufgeführt wurde, war der Skandal perfekt, Verbot
und weitere Beschränkungen folgten. Er hatte ein Bekenntnis
abgelegt. Auch stilistisch: Mit
seiner Collage-Technik – Bachs C-Dur-Praeludium aus dem
Wohltemperierten Klavier I ist eingearbeitet –
setzt Credo Serialismus und phonetische Mittel der Avantgarde
mit Tonalität in fertile Spannung.
In diese Zeit fällt Arvo Pärts Konversion zur russisch-orthodoxen
Kirche. Deren offiziell abgetane gottesdienstliche Tradition fesselt
ihn. Doch bildet die römische Messe, bilden liturgische,
gregorianische Elemente wie biblische Texte – lateinisch,
deutsch, kirchenslawisch, englisch, französisch – künftig
das Herzstück seines Komponierens, neben einer großen
Zahl von Instrumentalstücken, oft in unterschiedlichen Besetzungen
auf die Praxis ausgerichtet. Als wirkungsmächtige Wegmarke
steht nun die Beschäftigung mit alter Musik, besonders der
niederländischen Vokalpolyphonie des 15./16. Jahrhunderts,
auf Pärts weiterem Weg. Aus Schätzen der Vergangenheit
und einem neu geschärften Blick auf eine, auf seine Musik
der Zukunft öffnen sich Pärt noch nie erschlossene Räume.
In einer Phase selbst auferlegten Schweigens war er 1971 lediglich
mit seiner Dritten Symphonie hervorgetreten, die aber
noch nicht, so zitiert Wolfgang Sandner ihn im Textheft zur LP/CD
Tabula rasa, „das Ende meiner Verzweiflung und
Suche“ bedeutete.
Den vollständigen Artikel finden Sie in der Printausgabe
der Musica sacra
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