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Ausgabe 2010/01
Januar/Februar

Herbert Glossner

KLÄNGE WIE WEISSES LICHT
Arvo Pärt zum 75. Geburtstag

Es war Musik aus fernen Welten, die vor mehr als einem Vierteljahrhundert westliche Ohren erreichte. Doppelt fremd und fern, weil außer den großen Namen von der Musikszene des Sowjetimperiums, zu dem Estland damals gehörte, wenig nach außen drang. Auch waren die Klänge befremdlich, sie schienen aus anderen Sphären zu kommen, sie ließen Dreiklänge, suggestive Repetitionen, Melodiebögen, reine Intervalle hören, die Anhänger der Avantgarde längst abgeschrieben hatten. Entsprechend zwiegespalten war das Echo, pendelnd zwischen Kitschverdacht und befreitem Enthusiasmus. Arvo Pärt, der Name prägte sich ein, seine Musik setzte sich durch, soweit genaues Zuhören die Vorurteile zunichte machte. In späten Rundfunksendungen mit Neuer Musik gab es Pärt; Manfred Eicher, Gründer und innovativer Geist des Labels
ECM, war gepackt. 1984 startete er seine neue Reihe ECM New Series mit Pärt, der
LP Tabula rasa, deren fast halbstündiges aufwühlendes Titelwerk der Geiger Gidon
Kremer und die Geigerin Tatjana Gridenko mit Alfred Schnittke am präparierten Piano musizierten. Der WDR Köln hatte es 1977 live produziert. Außerdem dokumentierten
das Orchesterwerk Cantus in memory of Benjamin Britten und Fratres in zwei Fassungen Pärts provokanten Stil, jeweils Neuaufnahmen für diese Novität. Gidon Kremer, der Geiger deutscher Herkunft aus Lettland, hatte seinen baltischen Landsmann hierzulande eingeführt, zusammen mit Keith Jarrett spielt er eine der
Varianten von Fratres. Zwei Künstler, die Manfred Eicher sogleich für seine Pärt-
Präsentation im Sinn hatte.

Arvo Pärt
(Foto: Archiv)

In principio
In Tallinn hatte es ganz anders begonnen. Am 11. September 1935 in der kleinen estnischen Stadt Paide geboren, begann Arvo Pärt 1957 ein Musikstudium am Konservatorium Tallinn. Dort war Heino Eller, der Vater der neueren estnischen Musik,
sein Lehrer. Nebenbei als Tontechniker beim Rundfunk arbeitend, hatte er auch
die Chance, Film- und Theatermusik zu schreiben, und fand, ermuntert von Eller,
erste Kontakte zu westlicher Musik. Doch erst mit den sechziger Jahren wandte er
sich Dodekaphonie und Serialismus zu. Nekrolog für großes Orchester erregte
1961/62 heftigen Anstoß. Das kurze Orchesterstück Perpetuum mobile, Luigi Nono gewidmet, fand ein Jahr nach der Uraufführung beim Warschauer Herbst internationale Aufmerksamkeit. Doch als November 1968 seine erste geistliche Komposition, Credo,
in Tallinn uraufgeführt wurde, war der Skandal perfekt, Verbot und weitere Beschränkungen folgten. Er hatte ein Bekenntnis abgelegt. Auch stilistisch: Mit
seiner Collage-Technik – Bachs C-Dur-Praeludium aus dem Wohltemperierten Klavier I ist eingearbeitet – setzt Credo Serialismus und phonetische Mittel der Avantgarde mit Tonalität in fertile Spannung.
In diese Zeit fällt Arvo Pärts Konversion zur russisch-orthodoxen Kirche. Deren offiziell abgetane gottesdienstliche Tradition fesselt ihn. Doch bildet die römische Messe, bilden liturgische, gregorianische Elemente wie biblische Texte – lateinisch, deutsch, kirchenslawisch, englisch, französisch – künftig das Herzstück seines Komponierens, neben einer großen Zahl von Instrumentalstücken, oft in unterschiedlichen Besetzungen auf die Praxis ausgerichtet. Als wirkungsmächtige Wegmarke steht nun die Beschäftigung mit alter Musik, besonders der niederländischen Vokalpolyphonie des 15./16. Jahrhunderts, auf Pärts weiterem Weg. Aus Schätzen der Vergangenheit und einem neu geschärften Blick auf eine, auf seine Musik der Zukunft öffnen sich Pärt noch nie erschlossene Räume. In einer Phase selbst auferlegten Schweigens war er 1971 lediglich mit seiner Dritten Symphonie hervorgetreten, die aber noch nicht, so zitiert Wolfgang Sandner ihn im Textheft zur LP/CD Tabula rasa, „das Ende meiner Verzweiflung und Suche“ bedeutete.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Printausgabe der Musica sacra


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