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Liebe Leserin,
lieber Leser,
„Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt“.
Das sagte einst der Komponist Arnold Schönberg und entwickelte
die Zwölftonmusik. Seine Uraufführungen gerieten regelmäßig
zu Skandalen, bei denen die Polizei gegen das wütend protestierende
und randalierende Publikum
einschreiten musste. Selbst heute noch ist
seine „Neue Musik“ zu neu für unaufgeschlossene
Hörerwartungen.
Aber nicht nur deshalb wird Neue Musik – eigentlich mit
emphatisch großem „N“ – heute vielerorts
klein geschrieben oder gleich mit „ü“ wie „überflüssig“.
Selbst wenn es sich um Neue Kirchenmusik
handelt, die zeitgenössischer Ausdruck des Glaubens sein
soll. Sie sei – so heißt es – nur etwas für
Profis, scheitere an den Aufführungsmöglichkeiten vor
Ort oder den (Hör-)Erwartungen nicht weniger Gemeindemitglieder.
Dabei fordert die Konstitution über die heilige Liturgie
Sacrosanctum Concilium des II. Vatikanischen Konzils
dazu auf, „die Kirchenmusik zu pflegen und deren Schatz
zu mehren“ (SC 121). Wie aber dieser Schatz der Kirchenmusik
durch neue Vertonungen
in einer zeitgemäßen Liturgie, welche die Gläubigen
heute auch in ihrem Innersten erreicht, beschaffen sein solle,
dies ist Gegenstand immer wieder aufflammender Diskussionen.
Für die Musica sacra als deutschlandweit einzige
Fachzeitschrift für katholische
Kirchenmusik ist es selbstverständlich, diese Diskussion
fachkundig zu begleiten
und zu befruchten. So haben wir in unserer Jahresreihe 2007 den
katholischen
Bischöfen Deutschlands in den „Sieben Bischofsfragen“
auch die Frage gestellt,
wie sie die Akzeptanz zeitgenössischer Kirchenmusik durch
die Gemeinden sehen
und welchen Umfang diese in der Liturgie haben soll. Die mehrstimmigen,
aber gar
nicht so dissonanten Antworten hat unser ACV-Präsident Wolfgang
Bretschneider
in unserem Spiegel der katholischen Kirchenmusik umfassend
ausgewertet.
Im Rahmen unserer Jahresreihe 2010 wollen wir diesen Dialog nun
mit den Komponistinnen und Komponisten zeitgenössischer Musik
selbst befördern. Da der Dialog auf mindestens zwei Seiten
eingeht, hofften wir, in diese Jahresreihe mit sieben
Fragen auf einen Streich sowohl Komponisten und Komponistinnen
einbinden zu
können, die Kirchenmusik komponieren, als auch Künstler
und Künstlerinnen, die
(bewusst?) keine geschaffen haben. Leider sind letztere unserem
Dialogaufruf aus
verschiedensten Gründen nicht gefolgt. So können wir
bei diesen Komponisten nur weiterhin mutmaßen, ob sie überhaupt
jemals ein näheres Verhältnis zur traditionellen
Kirchenmusik hatten, ob es eine Situation gab, in der sie sich
bewusst gegen das Komponieren von Kirchenmusik entschieden haben,
oder ihr Schweigen nur ganz pragmatische Gründe hat. In jeder
Ausgabe dieses Jahrgangs stellen wir Ihnen nun einen Komponisten
und seine Antworten vor, der sich kreativ schöpferisch mit
Neuer Kirchenmusik auseinandersetzt.
Als wir diese Reihe – nicht zuletzt vor dem Hintergrund
des Jahresregenten Arvo Pärt,
der uns mit seinem geistlichen Werk nicht nur im Themenschwerpunkt
dieses Heftes,
sondern während des gesamten Jahrgangs beschäftigt –
zusammenstellten, kam die
Meldung aus Rom, dass Papst Benedikt Künstler zu einem Treffen
und zum Dialog
in die Sixtinische Kapelle geladen habe. Damit knüpfte Benedikt
XVI. an die Initiativen
seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Paul VI. an. Der polnische
Papst warb vor zehn Jahren in einem Brief an die Künstler
für ein „fruchtbares Bündnis zwischen Evangelium
und Kunst“. 35 Jahre zuvor hatte Paul VI. mit einem ersten
Künstlertreffen in der Sixtinischen Kapelle versucht, den
„verlorenen Faden“ im Gespräch zwischen Kirche
und zeitgenössischer Kunst wiederaufzunehmen. Benedikt XVI.
hat nun den damaligen Kreis der künstlerischen Sparten und
der Gäste erheblich erweitert und neben Katholiken auch Christen
anderer Konfessionen, Anhänger nichtchristlicher Religionen
sowie Agnostiker und Atheisten eingeladen.
Dabei kam die Symbiose von Kirche und Kunst sehr schön zum
Klingen: Die Kirche
habe, sagt der Papst, den Künstlern in ihren großen
Symbolen, ihrer Lesart der Wirklichkeit, ihren Erzählungen,
Figuren und Themen auch heute noch viel anzubieten.
Andererseits brauche die Kirche Kunst, um das Unsichtbare sichtbar,
das Unhörbare
hörbar zu machen. Allzu oft gehe es in der Gesellschaft allein
um eine oberflächliche
Schönheit, die letztlich enttäuschend sei. Authentische
Schönheit störe, lasse nicht in
Ruhe. Das schließt nach der Trias Platons vom „Wahren,
Guten und Schönen“, der
sich Papst Benedikt zweifellos verpflichtet fühlt, auch ein,
in Kunstwerken das Leben
wahr abzubilden, wie es nun mal ist: schön und schrecklich
und zuweilen schrecklich
schön.
Der Wahrheit verpflichtete zeitgenössische Kirchenmusik wollen
wir also hören – aber
der Wahrheit wegen, nicht um bejahrten Berufshörern Gelegenheit
zum Anstoßnehmen
zu geben. Neue Musik mit auch publikumsunsicheren, neuen Klängen
braucht Neugier bei den Hörern und Mut bei den Komponisten
und Ausführenden, wozu Markus Eham in seinem Festvortrag
zur Eröffnung der „Tage neuer Kirchenmusik in Bayern
2009“
aufruft.
Seien auch wir Konservative, die den Fortschritt erhalten, dankbar
für die Gabe, welche
wir als Künstler empfangen haben, bewusst der großen
Verantwortung, mittels
zeitgenössischer Kirchenmusik unseren Glauben heute auszudrücken,
authentische
Schönheit zu kommunizieren, und mutig, sich so der ersten
und letzten Quelle der
geheimnisvollen Schönheit zu nähern.
Viel Freude beim Lesen wünscht
Ihr
Marius Schwemmer
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