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Ausgabe 2010/01
Januar/Februar

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

„Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt“. Das sagte einst der Komponist Arnold Schönberg und entwickelte die Zwölftonmusik. Seine Uraufführungen gerieten regelmäßig zu Skandalen, bei denen die Polizei gegen das wütend protestierende und randalierende Publikum
einschreiten musste. Selbst heute noch ist
seine „Neue Musik“ zu neu für unaufgeschlossene
Hörerwartungen.
Aber nicht nur deshalb wird Neue Musik – eigentlich mit emphatisch großem „N“ – heute vielerorts klein geschrieben oder gleich mit „ü“ wie „überflüssig“. Selbst wenn es sich um Neue Kirchenmusik
handelt, die zeitgenössischer Ausdruck des Glaubens sein soll. Sie sei – so heißt es – nur etwas für Profis, scheitere an den Aufführungsmöglichkeiten vor Ort oder den (Hör-)Erwartungen nicht weniger Gemeindemitglieder.
Dabei fordert die Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium des II. Vatikanischen Konzils dazu auf, „die Kirchenmusik zu pflegen und deren Schatz zu mehren“ (SC 121). Wie aber dieser Schatz der Kirchenmusik durch neue Vertonungen
in einer zeitgemäßen Liturgie, welche die Gläubigen heute auch in ihrem Innersten erreicht, beschaffen sein solle, dies ist Gegenstand immer wieder aufflammender Diskussionen.
Für die Musica sacra als deutschlandweit einzige Fachzeitschrift für katholische
Kirchenmusik ist es selbstverständlich, diese Diskussion fachkundig zu begleiten
und zu befruchten. So haben wir in unserer Jahresreihe 2007 den katholischen
Bischöfen Deutschlands in den „Sieben Bischofsfragen“ auch die Frage gestellt,
wie sie die Akzeptanz zeitgenössischer Kirchenmusik durch die Gemeinden sehen
und welchen Umfang diese in der Liturgie haben soll. Die mehrstimmigen, aber gar
nicht so dissonanten Antworten hat unser ACV-Präsident Wolfgang Bretschneider
in unserem Spiegel der katholischen Kirchenmusik umfassend
ausgewertet.
Im Rahmen unserer Jahresreihe 2010 wollen wir diesen Dialog nun mit den Komponistinnen und Komponisten zeitgenössischer Musik selbst befördern. Da der Dialog auf mindestens zwei Seiten eingeht, hofften wir, in diese Jahresreihe mit sieben
Fragen auf einen Streich sowohl Komponisten und Komponistinnen einbinden zu
können, die Kirchenmusik komponieren, als auch Künstler und Künstlerinnen, die
(bewusst?) keine geschaffen haben. Leider sind letztere unserem Dialogaufruf aus
verschiedensten Gründen nicht gefolgt. So können wir bei diesen Komponisten nur weiterhin mutmaßen, ob sie überhaupt jemals ein näheres Verhältnis zur traditionellen
Kirchenmusik hatten, ob es eine Situation gab, in der sie sich bewusst gegen das Komponieren von Kirchenmusik entschieden haben, oder ihr Schweigen nur ganz pragmatische Gründe hat. In jeder Ausgabe dieses Jahrgangs stellen wir Ihnen nun einen Komponisten und seine Antworten vor, der sich kreativ schöpferisch mit Neuer Kirchenmusik auseinandersetzt.
Als wir diese Reihe – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Jahresregenten Arvo Pärt,
der uns mit seinem geistlichen Werk nicht nur im Themenschwerpunkt dieses Heftes,
sondern während des gesamten Jahrgangs beschäftigt – zusammenstellten, kam die
Meldung aus Rom, dass Papst Benedikt Künstler zu einem Treffen und zum Dialog
in die Sixtinische Kapelle geladen habe. Damit knüpfte Benedikt XVI. an die Initiativen
seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Paul VI. an. Der polnische Papst warb vor zehn Jahren in einem Brief an die Künstler für ein „fruchtbares Bündnis zwischen Evangelium und Kunst“. 35 Jahre zuvor hatte Paul VI. mit einem ersten Künstlertreffen in der Sixtinischen Kapelle versucht, den „verlorenen Faden“ im Gespräch zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst wiederaufzunehmen. Benedikt XVI. hat nun den damaligen Kreis der künstlerischen Sparten und der Gäste erheblich erweitert und neben Katholiken auch Christen anderer Konfessionen, Anhänger nichtchristlicher Religionen sowie Agnostiker und Atheisten eingeladen.
Dabei kam die Symbiose von Kirche und Kunst sehr schön zum Klingen: Die Kirche
habe, sagt der Papst, den Künstlern in ihren großen Symbolen, ihrer Lesart der Wirklichkeit, ihren Erzählungen, Figuren und Themen auch heute noch viel anzubieten.
Andererseits brauche die Kirche Kunst, um das Unsichtbare sichtbar, das Unhörbare
hörbar zu machen. Allzu oft gehe es in der Gesellschaft allein um eine oberflächliche
Schönheit, die letztlich enttäuschend sei. Authentische Schönheit störe, lasse nicht in
Ruhe. Das schließt nach der Trias Platons vom „Wahren, Guten und Schönen“, der
sich Papst Benedikt zweifellos verpflichtet fühlt, auch ein, in Kunstwerken das Leben
wahr abzubilden, wie es nun mal ist: schön und schrecklich und zuweilen schrecklich
schön.
Der Wahrheit verpflichtete zeitgenössische Kirchenmusik wollen wir also hören – aber
der Wahrheit wegen, nicht um bejahrten Berufshörern Gelegenheit zum Anstoßnehmen
zu geben. Neue Musik mit auch publikumsunsicheren, neuen Klängen braucht Neugier bei den Hörern und Mut bei den Komponisten und Ausführenden, wozu Markus Eham in seinem Festvortrag zur Eröffnung der „Tage neuer Kirchenmusik in Bayern 2009“
aufruft.
Seien auch wir Konservative, die den Fortschritt erhalten, dankbar für die Gabe, welche
wir als Künstler empfangen haben, bewusst der großen Verantwortung, mittels
zeitgenössischer Kirchenmusik unseren Glauben heute auszudrücken, authentische
Schönheit zu kommunizieren, und mutig, sich so der ersten und letzten Quelle der
geheimnisvollen Schönheit zu nähern.

Viel Freude beim Lesen wünscht
Ihr

Marius Schwemmer

 
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