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Ausgabe 2007/05
September/Oktober

Dominik Rollenhagen und Verena Kronseder

MIT DEM KÖRPER SPIELEN
Alexandertechnik für Musiker

Jeder, der Alexandertechnik (im Folgenden: AT) unterrichtet oder ausübt, gerät sehr schnell in Schwierigkeiten, wenn er in wenigen Sätzen erklären soll, was es mit
dieser Methode auf sich hat. Da uns diese Problematik bewusst ist, wollen wir statt
langer Vorreden zwei Experimente mit Ihnen machen:
Machen Sie für zehn Sekunden eine Faust mit der rechten Hand und spüren Sie, wie
sich das anfühlt. Dann lassen Sie locker. Und was spüren Sie nun? Ihre Hand öffnet sich. Es gibt sogar eine sichtbare Bewegung ohne ein aktives Öffnen der Faust. Man könnte auch sagen, es gibt eine Bewegung durch ein Nicht-Tun. Diese Fähigkeit
durch Loslassen eine Bewegung zu erzielen, hat jeder gesunde Mensch und ist eine Grundlage der AT. Frederick M. Alexander (1869–1955) hat gesagt: „Wenn ihr aufhört, das Falsche zu tun, geschieht das Richtige von selbst“. Innezuhalten und eine gewohnheitsmäßige Reaktion, z. B. eine Faust zu machen, bewusst nicht auszuführen, nannte Alexander „Inhibition“.
Jetzt machen Sie es sich bequem, lassen alle unnötige Anspannung von sich abfließen und werden ganz ruhig und aufmerksam. Denken Sie für drei Minuten, dass die rechte
Hand mit Ihren Fingern immer größer, weiter und länger wird, so wie wenn Sie einen Spülhandschuh von innen mit Wasser auffüllen. Spüren Sie nach. Was hat sich verändert im Vergleich zu vorher und zur linken Hand. Diese qualitative Veränderung kann man als die belebende Wirkung von mentalen Anweisungen (Direktiven)
bezeichnen.

Alexanders Entdeckungen

Nach diesen Erfahrungen können Sie hoffentlich Alexanders Entdeckungen besser
nachvollziehen: Als junger Schauspieler und Rezitator von Shakespeare litt Alexander
an starker Heiserkeit. Da kein Arzt seine Stimmprobleme behandeln konnte und er andererseits seine Karriere nicht unterbrechen wollte, beschloss er, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Seine Vermutung war, dass er beim Rezitieren seine Stimme falsch einsetzte. Er beobachtete sich systematisch während des Rezitierens in mehreren Spiegeln.

Pianist, der beim Spielen den Nacken
verkürzt

Nach einer langen und sorgfältigen Erforschung seiner Stimme und seines gesamten Körpers bemerkte er, dass er beim Rezitieren gewohnheitsmäßig u. a.
den Kopf nach hinten und unten zog und
Druck auf den Kehlkopf ausübte. Außerdem tendierte er dazu, den Brustkorb zu heben, den Rücken zu verengen und sich kleiner zu machen. Als es Alexander gleichzeitig gelang, einerseits beim Rezitieren diese überflüssigen Aktivitäten zu unterlassen (Inhibition: Vergleichbar dem 1. Experi- ment: eine Faust machen und wieder loslassen), und andererseits durch
mentale Anweisungen eine natürliches
Länger- und Weiterwerden des Halses und Rumpfes geschehen zu lassen (Direktiven: Vergleichbar dem 2. Experi- ment: die Hand und Finger lang und weit denken), verschwand allmählich seine Heiserkeit. Seine Stimme verbesserte sich derart, dass Kollegen ihn bald um Rat fragten. Er hatte solche Erfolge zu verzeichnen, dass er aus seiner Vorgehensweise schließlich ein Verfahren entwickelte, das später als die AT bekannt wurde. Die Kernaussage dieser Methode lautet: Der Gebrauch bestimmt die Funktion. Das heißt: Die Art und Weise, wie wir mit uns umgehen, hat unmittelbare Wirkung auf die Qualität unseres Seins. Hierbei spielt
die lebendige oder freie Beziehung zwischen Hals, Kopf und Rumpf eine primäre Rolle (primäre Steuerung), in dem Sinne, dass diese freie Beziehung sich förderlich auf
den ganzen Menschen auswirkt. So ist es auch zu verstehen, dass sich durch regelmäßiges AT-Training Blutdruck, Atmung und Verdauung regulieren und positiver Einfluss gegen zahlreiche Krankheiten ausgeübt wird. Alexanders Asthma, unter dem er seit seiner Kindheit gelitten hatte, verschwand mit der Entwicklung und Anwendung seiner Methode.
Bei den obigen Experimenten ebenso wie beim Erlernen der Alexander-Technik ist man evtl. mit folgenden Schwierigkeiten konfrontiert:
Gewohnheiten sind bewusste oder unbewusste Dauerentscheidungen und haben
z. T. erheblichen Ausführungsdrang. Die Macht der Gewohnheit geht oft mit einem
mangelnden Wahrnehmen und Steuern der betroffenen Körperteile einher. Oft nehmen wir gar nicht mehr wahr, ob wir angespannt sind oder nicht. Oder wir fühlen uns gerade und locker und sehen im Spiegel das Gegenteil. Manchmal ist der Zugang zum Körper so schwierig, dass man sich eine Verbesserung der Haltung oder Koordination nicht vorstellen kann. Direktiven wie z. B. „Ich lasse meinen Hals frei, damit der Kopf nach oben und vorne gehen kann, so dass sich der ganze Rumpf längen und weiten kann“ erzeugen immer eine Reaktion im Körper, selbst wenn Sie nichts davon merken. Diese Reaktion wird durch regelmäßiges Training immer deutlicher. Außerdem wird mit der
AT auch die Wahrnehmungsfähigkeit verbessert, so dass das gewünschte Resultat
der Direktive mit der Zeit auch erfahrbar wird.

 

Wenn wir ein Kleinkind beobachten, sehen wir eine große Geschmeidigkeit und Leichtigkeit in seinen Bewegungen und eine mühelose Aufrichtung. Diese natürliche Fähigkeit geht offensichtlich den meisten Menschen im Laufe des Lebens verloren, und sie werden fest, unbeweglich und im Alter immer kleiner. Da wir alle Kleinkinder waren und die AT-Prinzipien perfekt beherrscht haben, schlummert diese Fähigkeit in uns.
Natürlich ist die AT kein Krafttraining
und unterscheidet sich von vielen anderen
Methoden wie z. B. Yoga. Aber man
könnte Yoga oder Krafttraining alexandertechnisch ausführen, was die
Vorteile der Methoden noch mehr
zur Geltung bringen würde. Für
einen guten Organisten bedeutet
dies, dass er in Wirklichkeit mit
zwei Instrumenten spielt und beide
beherrschen sollte: seine Orgel und
seinen Körper.


Alexandertechnik als Hilfe im Musikeralltag

Die magischen Augenblicke sind selten, in denen wir völlig losgelöst von Selbstzweifeln, technischen Hürden und Zusammenspielproblemen so gut musizieren, dass wir mit uns selbst restlos zufrieden sind. In der Regel hindern uns sowohl physische als auch psychische Probleme daran, auf der Bühne unser Bestes zu geben. Vor langer Zeit falsch eingeübte Bewegungsmuster, uralte Blockaden und Verspannungen führen zu unsauberer Technik, Denkblockaden und negatives Denken verursachen übermäßiges Lampenfieber, behindern den Kontakt zum Publikum und beeinträchtigen unsere
Bühnenpräsenz. Dass selbst gut geübte Bewegungsabläufe unter Stressbedingungen
nicht immer funktionieren, macht uns unsicher und ängstlich.
Wir spüren, dass wir nicht so gut spielen, wie wir spielen könnten.
Hier setzt die AT ein, sie hilft, die Problematik klar abzugrenzen und bietet Hilfestellung
für die Lösung der Schwierigkeiten. Durch die regelmäßige Beschäftigung mit der AT wird sich Ihr Übeverhalten grundlegend ändern. Ihr Blick wird ganzheitlicher und Sie werden kleinere Übeprobleme in einen übergeordneten Zusammenhang stellen. So können Sie zum Beispiel die Verbindung vom nicht funktionierenden Fingersatz zur mangelnden Aufrichtung der Wirbelsäule oder einer verkrampften Beinmuskulatur herstellen und durch das Loslassen in diesem Bereich Ihr Fingersatzproblem lösen (das Sie sonst noch Jahre verfolgt hätte …). Diese größeren Zusammenhänge zu entdecken,
ist einfach spannend und kann langweilige Übephasen beleben. Lebendiges Üben aber ist wiederum die Grundlage für lebendiges Spielen.
Das körperliche Wohlgefühl, der frei strömende Atem, das gelassene Spielen mit dem ganzen Körper – all das hilft Ihnen, auch freier und positiver zu denken. Sie können auch unter Stress positive Anweisungen („Ellenbogen loslassen“, „Oberschenkel entspannen“) formulieren und sind damit nicht mehr Opfer Ihres Körpers, sondern Partner in einem fantastischen Team.
Wissen befreit. Anatomische Zusammenhänge erfahren zu haben, bedeutet, dass
Sie sich auf andere wichtige Aspekte des Musizierens konzentrieren können, weil
Sie sich auf Ihren Körper inzwischen verlassen können. Wenn Sie den Kontakt
zwischen Körper und Geist geübt haben, können Sie den größten Teil Ihrer Aufmerksamkeit Ihren Mitspielern und dem Publikum widmen.

Die Aufgabe des Instrumentallehrers

Jeder Musiker, der sich mit AT beschäftigt, wird mir bestätigen, dass sich sein Unterrichtsstil grundlegend geändert hat.
Statt Anweisungen zu geben, stellen wir dem Schüler Fragen: „Klingt diese Phrase
sauber? Nein? Woran könnte das liegen? In welchem Körperbereich fühlst Du Dich
unwohl? Versuche, Deine Schulter loszulassen. Klingt es jetzt besser ...?“ Früher
oder später wird sich der Schüler diese Fragen selbst stellen, wird sich besser beobachten und zuhören und damit das passive Üben (das Stück fünfmal durchspielen) in einen kreativen, selbstverantwortlichen Übeprozess umwandeln.
Unterrichten mit Hilfe der AT ist reizvoll, weil es sehr genaues Beobachten und Hören erfordert, auch weil es erlaubt, auf jeden Schüler individuell einzugehen und ihn damit bestmöglich zu unterstützen.

Die Aufgabe des Alexandertechniklehrers

Durch ihre dreijährige Ausbildung sind AT-Lehrer spezialisiert, dem Schüler die
AT-Prinzipen Gebrauch und Funktion, Ganzheitlichkeit, primäre Steuerung, Innehalten und Direktiven praktisch zu vermitteln. Über sanfte taktile Impulse unterstützen Sie den Schüler in der Eigenwahrnehmung, so dass dieser sich seiner Gewohnheiten gewahr wird und lernt, das richtige Maß an Spannung oder Entspannung im Instrumentalspiel einzusetzen. So verbessert sich das Zusammenspiel der Muskeln und Gelenke. Die Bewegungen werden geschmeidiger, vielfältiger und ausdrucksstärker und die aufrechte Haltung wird leichter, freier und natürlicher. Durch die manuelle Unterstützung des
Lehrers, findet der Schüler allmählich Zugang zur freien Balance des Kopfes und kann eine befreiende und längende Wirkung auf die gesamte Wirbelsäule erfahren. Die Stärke und Wirksamkeit der AT beruht auch darauf, dass der gesamte Alltag zur Übung werden kann, d. h. der Organist kann die Zeit des Sitzens beim Mittagessen auch dafür nutzen, seine Sitzfertigkeiten für das Orgelspiel zu trainieren.

Ausblick

Alexander-Schüler bitten oft um Übungen, die sie ausführen könnten. Es dauert eine Weile, bevor sie verstehen, dass es in der AT eben nicht darum geht, etwas Neues
zu tun, sondern alte Gewohnheiten zu lassen, was mit Hilfe eines guten Lehrers
natürlich schneller gelingt.
So gesehen, können Sie mit Hilfe der AT umfassend Ihre Lebensqualität verbessern.
Sie kann Ihnen helfen zu lernen, wie man z. B. besser sitzt, steht, geht, schreibt,
Auto oder Fahrrad fährt. In allen Lebensbereichen kann es zu positiven Veränderungen
kommen, sogar in emotionalen und geistigen Bereichen und in Bereichen, die nicht Grundlage des Unterrichts sind. Die AT ist eine grundlegende Orientierung im Leben, und sie erwacht zum Leben, wenn wir sie in unserem Alltag integrieren. Musikern
zeigt sie einen Weg auf, mit dem Körper und nicht gegen ihn zu spielen.

ZUM WEITERLESEN:
Michael Gelb: Körperdynamik, Runde Ecken Verlag, Frankfurt am Main 2004
Pedro de Alcantara: Alexander-Technik für Musiker, Gustav Bosse Verlag,
Kassel 2005

Weitere Informationen zur Alexandertechnik für (Kirchen-)Musiker erhalten Sie bei Dominik Rollenhagen, Haus Heuport Innenhof, Domplatz 7, 93047 Regensburg,
Tel. 0941 562667,
E-Mail: info@bewussterbewegen.de,
Internet: www.bewussterbewegen.de


 

Dominik Rollenhagen, 1967 geboren,
staatlich anerkannter Physiotherapeut
seit 1994, Lehrer der Alexander-Technik
seit 1998, Lehrer für Qigong seit
1997, seit 1998 selbständiger Lehrer
für Alexander-Technik (hauptsächlich
für Musiker) und Qigong in Regensburg
und München, Einzel- und Gruppen- unterricht in eigener Praxis und
bei verschiedenen Institutionen der
Erwachsenenbildung, Fortbildungen
in verschiedenen Behandlungs- und
Schulungsmethoden: Alexander-Technik,
Qigong, Shiatsu, Feldenkrais,
Craniosacrale Integration, seit 2002
Lehrauftrag für Alexander-Technik an
der Hochschule für katholische Kirchenmusik Regensburg.

 

 

 

 

 

Verena Kronseder, geboren 1969, Studium
der Alten Musik in Nürnberg 1988 bis 1992 (Blockflöte und Viola da Gamba), danach Viola da Gamba in Brüssel bei Wieland Kuijken, Meisterdiplom mit Auszeichnung 1995. Seit
1992 freischaffende Musikerin und Musiklehrerin
in Regensburg, Kurse für Gambenconsort, Instrumentaltechnik und historischen Tanz im Inund Ausland, seit fünf Jahren intensive
Beschäftigung mit Alexandertechnik und Qigong, seit zwei Jahren Ausbildung zur Qigong-Lehrerin.

 

 

 

 

 

 
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