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Dominik
Rollenhagen und Verena Kronseder
MIT DEM KÖRPER SPIELEN
Alexandertechnik für Musiker
Jeder, der Alexandertechnik (im Folgenden: AT) unterrichtet
oder ausübt, gerät sehr schnell in Schwierigkeiten,
wenn er in wenigen Sätzen erklären soll, was es mit
dieser Methode auf sich hat. Da uns diese Problematik bewusst
ist, wollen wir statt
langer Vorreden zwei Experimente mit Ihnen machen:
Machen Sie für zehn Sekunden eine Faust mit der rechten Hand
und spüren Sie, wie
sich das anfühlt. Dann lassen Sie locker. Und was spüren
Sie nun? Ihre Hand öffnet sich. Es gibt sogar eine sichtbare
Bewegung ohne ein aktives Öffnen der Faust. Man könnte
auch sagen, es gibt eine Bewegung durch ein Nicht-Tun. Diese Fähigkeit
durch Loslassen eine Bewegung zu erzielen, hat jeder gesunde Mensch
und ist eine Grundlage der AT. Frederick M. Alexander (1869–1955)
hat gesagt: „Wenn ihr aufhört, das Falsche zu tun,
geschieht das Richtige von selbst“. Innezuhalten und eine
gewohnheitsmäßige Reaktion, z. B. eine Faust zu machen,
bewusst nicht auszuführen, nannte Alexander „Inhibition“.
Jetzt machen Sie es sich bequem, lassen alle unnötige Anspannung
von sich abfließen und werden ganz ruhig und aufmerksam.
Denken Sie für drei Minuten, dass die rechte
Hand mit Ihren Fingern immer größer, weiter und länger
wird, so wie wenn Sie einen Spülhandschuh von innen mit Wasser
auffüllen. Spüren Sie nach. Was hat sich verändert
im Vergleich zu vorher und zur linken Hand. Diese qualitative
Veränderung kann man als die belebende Wirkung von mentalen
Anweisungen (Direktiven)
bezeichnen.
Alexanders Entdeckungen
Nach diesen Erfahrungen können Sie hoffentlich
Alexanders Entdeckungen besser
nachvollziehen: Als junger Schauspieler und Rezitator von Shakespeare
litt Alexander
an starker Heiserkeit. Da kein Arzt seine Stimmprobleme behandeln
konnte und er andererseits seine Karriere nicht unterbrechen wollte,
beschloss er, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Seine
Vermutung war, dass er beim Rezitieren seine Stimme falsch einsetzte.
Er beobachtete sich systematisch während des Rezitierens
in mehreren Spiegeln.
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Pianist, der beim
Spielen den Nacken
verkürzt |
Nach einer langen und sorgfältigen Erforschung
seiner Stimme und seines gesamten Körpers bemerkte er, dass
er beim Rezitieren gewohnheitsmäßig u. a.
den Kopf nach hinten und unten zog und
Druck auf den Kehlkopf ausübte. Außerdem tendierte
er dazu, den Brustkorb zu heben, den Rücken zu verengen und
sich kleiner zu machen. Als es Alexander gleichzeitig gelang,
einerseits beim Rezitieren diese überflüssigen Aktivitäten
zu unterlassen (Inhibition: Vergleichbar dem 1. Experi- ment:
eine Faust machen und wieder loslassen), und andererseits durch
mentale Anweisungen eine natürliches
Länger- und Weiterwerden des Halses und Rumpfes geschehen
zu lassen (Direktiven: Vergleichbar dem 2. Experi- ment: die Hand
und Finger lang und weit denken), verschwand allmählich seine
Heiserkeit. Seine Stimme verbesserte sich derart, dass Kollegen
ihn bald um Rat fragten. Er hatte solche Erfolge zu verzeichnen,
dass er aus seiner Vorgehensweise schließlich ein Verfahren
entwickelte, das später als die AT bekannt wurde. Die Kernaussage
dieser Methode lautet: Der Gebrauch bestimmt die Funktion. Das
heißt: Die Art und Weise, wie wir mit uns umgehen, hat unmittelbare
Wirkung auf die Qualität unseres Seins. Hierbei spielt
die lebendige oder freie Beziehung zwischen Hals, Kopf und Rumpf
eine primäre Rolle (primäre Steuerung), in dem Sinne,
dass diese freie Beziehung sich förderlich auf
den ganzen Menschen auswirkt. So ist es auch zu verstehen, dass
sich durch regelmäßiges AT-Training Blutdruck, Atmung
und Verdauung regulieren und positiver Einfluss gegen zahlreiche
Krankheiten ausgeübt wird. Alexanders Asthma, unter dem er
seit seiner Kindheit gelitten hatte, verschwand mit der Entwicklung
und Anwendung seiner Methode.
Bei den obigen Experimenten ebenso wie beim Erlernen der Alexander-Technik
ist man evtl. mit folgenden Schwierigkeiten konfrontiert:
Gewohnheiten sind bewusste oder unbewusste Dauerentscheidungen
und haben
z. T. erheblichen Ausführungsdrang. Die Macht der Gewohnheit
geht oft mit einem
mangelnden Wahrnehmen und Steuern der betroffenen Körperteile
einher. Oft nehmen wir gar nicht mehr wahr, ob wir angespannt
sind oder nicht. Oder wir fühlen uns gerade und locker und
sehen im Spiegel das Gegenteil. Manchmal ist der Zugang zum Körper
so schwierig, dass man sich eine Verbesserung der Haltung oder
Koordination nicht vorstellen kann. Direktiven wie z. B. „Ich
lasse meinen Hals frei, damit der Kopf nach oben und vorne gehen
kann, so dass sich der ganze Rumpf längen und weiten kann“
erzeugen immer eine Reaktion im Körper, selbst wenn Sie nichts
davon merken. Diese Reaktion wird durch regelmäßiges
Training immer deutlicher. Außerdem wird mit der
AT auch die Wahrnehmungsfähigkeit verbessert, so dass das
gewünschte Resultat
der Direktive mit der Zeit auch erfahrbar wird.
Wenn wir ein Kleinkind beobachten, sehen wir eine
große Geschmeidigkeit und Leichtigkeit in seinen Bewegungen
und eine mühelose Aufrichtung. Diese natürliche Fähigkeit
geht offensichtlich den meisten Menschen im Laufe des Lebens verloren,
und sie werden fest, unbeweglich und im Alter immer kleiner. Da
wir alle Kleinkinder waren und die AT-Prinzipien perfekt beherrscht
haben, schlummert diese Fähigkeit in uns.
Natürlich ist die AT kein Krafttraining
und unterscheidet sich von vielen anderen
Methoden wie z. B. Yoga. Aber man
könnte Yoga oder Krafttraining alexandertechnisch ausführen,
was die
Vorteile der Methoden noch mehr
zur Geltung bringen würde. Für
einen guten Organisten bedeutet
dies, dass er in Wirklichkeit mit
zwei Instrumenten spielt und beide
beherrschen sollte: seine Orgel und
seinen Körper.
Alexandertechnik als Hilfe im Musikeralltag
Die magischen Augenblicke sind selten, in denen
wir völlig losgelöst von Selbstzweifeln, technischen
Hürden und Zusammenspielproblemen so gut musizieren, dass
wir mit uns selbst restlos zufrieden sind. In der Regel hindern
uns sowohl physische als auch psychische Probleme daran, auf der
Bühne unser Bestes zu geben. Vor langer Zeit falsch eingeübte
Bewegungsmuster, uralte Blockaden und Verspannungen führen
zu unsauberer Technik, Denkblockaden und negatives Denken verursachen
übermäßiges Lampenfieber, behindern den Kontakt
zum Publikum und beeinträchtigen unsere
Bühnenpräsenz. Dass selbst gut geübte Bewegungsabläufe
unter Stressbedingungen
nicht immer funktionieren, macht uns unsicher und ängstlich.
Wir spüren, dass wir nicht so gut spielen, wie wir spielen
könnten.
Hier setzt die AT ein, sie hilft, die Problematik klar abzugrenzen
und bietet Hilfestellung
für die Lösung der Schwierigkeiten. Durch die regelmäßige
Beschäftigung mit der AT wird sich Ihr Übeverhalten
grundlegend ändern. Ihr Blick wird ganzheitlicher und Sie
werden kleinere Übeprobleme in einen übergeordneten
Zusammenhang stellen. So können Sie zum Beispiel die Verbindung
vom nicht funktionierenden Fingersatz zur mangelnden Aufrichtung
der Wirbelsäule oder einer verkrampften Beinmuskulatur herstellen
und durch das Loslassen in diesem Bereich Ihr Fingersatzproblem
lösen (das Sie sonst noch Jahre verfolgt hätte …).
Diese größeren Zusammenhänge zu entdecken,
ist einfach spannend und kann langweilige Übephasen beleben.
Lebendiges Üben aber ist wiederum die Grundlage für
lebendiges Spielen.
Das körperliche Wohlgefühl, der frei strömende
Atem, das gelassene Spielen mit dem ganzen Körper –
all das hilft Ihnen, auch freier und positiver zu denken. Sie
können auch unter Stress positive Anweisungen („Ellenbogen
loslassen“, „Oberschenkel entspannen“) formulieren
und sind damit nicht mehr Opfer Ihres Körpers, sondern Partner
in einem fantastischen Team.
Wissen befreit. Anatomische Zusammenhänge erfahren zu haben,
bedeutet, dass
Sie sich auf andere wichtige Aspekte des Musizierens konzentrieren
können, weil
Sie sich auf Ihren Körper inzwischen verlassen können.
Wenn Sie den Kontakt
zwischen Körper und Geist geübt haben, können Sie
den größten Teil Ihrer Aufmerksamkeit Ihren Mitspielern
und dem Publikum widmen.
Die Aufgabe des Instrumentallehrers
Jeder Musiker, der sich mit AT beschäftigt,
wird mir bestätigen, dass sich sein Unterrichtsstil grundlegend
geändert hat.
Statt Anweisungen zu geben, stellen wir dem Schüler Fragen:
„Klingt diese Phrase
sauber? Nein? Woran könnte das liegen? In welchem Körperbereich
fühlst Du Dich
unwohl? Versuche, Deine Schulter loszulassen. Klingt es jetzt
besser ...?“ Früher
oder später wird sich der Schüler diese Fragen selbst
stellen, wird sich besser beobachten und zuhören und damit
das passive Üben (das Stück fünfmal durchspielen)
in einen kreativen, selbstverantwortlichen Übeprozess umwandeln.
Unterrichten mit Hilfe der AT ist reizvoll, weil es sehr genaues
Beobachten und Hören erfordert, auch weil es erlaubt, auf
jeden Schüler individuell einzugehen und ihn damit bestmöglich
zu unterstützen.
Die Aufgabe des Alexandertechniklehrers
Durch ihre dreijährige Ausbildung sind AT-Lehrer
spezialisiert, dem Schüler die
AT-Prinzipen Gebrauch und Funktion, Ganzheitlichkeit, primäre
Steuerung, Innehalten und Direktiven praktisch zu vermitteln.
Über sanfte taktile Impulse unterstützen Sie den Schüler
in der Eigenwahrnehmung, so dass dieser sich seiner Gewohnheiten
gewahr wird und lernt, das richtige Maß an Spannung oder
Entspannung im Instrumentalspiel einzusetzen. So verbessert sich
das Zusammenspiel der Muskeln und Gelenke. Die Bewegungen werden
geschmeidiger, vielfältiger und ausdrucksstärker und
die aufrechte Haltung wird leichter, freier und natürlicher.
Durch die manuelle Unterstützung des
Lehrers, findet der Schüler allmählich Zugang zur freien
Balance des Kopfes und kann eine befreiende und längende
Wirkung auf die gesamte Wirbelsäule erfahren. Die Stärke
und Wirksamkeit der AT beruht auch darauf, dass der gesamte Alltag
zur Übung werden kann, d. h. der Organist kann die Zeit des
Sitzens beim Mittagessen auch dafür nutzen, seine Sitzfertigkeiten
für das Orgelspiel zu trainieren.
Ausblick
Alexander-Schüler bitten oft um Übungen,
die sie ausführen könnten. Es dauert eine Weile, bevor
sie verstehen, dass es in der AT eben nicht darum geht, etwas
Neues
zu tun, sondern alte Gewohnheiten zu lassen, was mit Hilfe eines
guten Lehrers
natürlich schneller gelingt.
So gesehen, können Sie mit Hilfe der AT umfassend Ihre Lebensqualität
verbessern.
Sie kann Ihnen helfen zu lernen, wie man z. B. besser sitzt, steht,
geht, schreibt,
Auto oder Fahrrad fährt. In allen Lebensbereichen kann es
zu positiven Veränderungen
kommen, sogar in emotionalen und geistigen Bereichen und in Bereichen,
die nicht Grundlage des Unterrichts sind. Die AT ist eine grundlegende
Orientierung im Leben, und sie erwacht zum Leben, wenn wir sie
in unserem Alltag integrieren. Musikern
zeigt sie einen Weg auf, mit dem Körper und nicht gegen ihn
zu spielen.
ZUM WEITERLESEN:
Michael Gelb: Körperdynamik, Runde Ecken Verlag,
Frankfurt am Main 2004
Pedro de Alcantara: Alexander-Technik für Musiker,
Gustav Bosse Verlag,
Kassel 2005
Weitere Informationen zur Alexandertechnik für (Kirchen-)Musiker
erhalten Sie bei Dominik Rollenhagen, Haus Heuport Innenhof, Domplatz
7, 93047 Regensburg,
Tel. 0941 562667,
E-Mail: info@bewussterbewegen.de,
Internet: www.bewussterbewegen.de
Dominik Rollenhagen, 1967 geboren,
staatlich anerkannter Physiotherapeut
seit 1994, Lehrer der Alexander-Technik
seit 1998, Lehrer für Qigong seit
1997, seit 1998 selbständiger Lehrer
für Alexander-Technik (hauptsächlich
für Musiker) und Qigong in Regensburg
und München, Einzel- und Gruppen- unterricht in eigener Praxis
und
bei verschiedenen Institutionen der
Erwachsenenbildung, Fortbildungen
in verschiedenen Behandlungs- und
Schulungsmethoden: Alexander-Technik,
Qigong, Shiatsu, Feldenkrais,
Craniosacrale Integration, seit 2002
Lehrauftrag für Alexander-Technik an
der Hochschule für katholische Kirchenmusik Regensburg.
Verena Kronseder, geboren 1969, Studium
der Alten Musik in Nürnberg 1988 bis 1992 (Blockflöte
und Viola da Gamba), danach Viola da Gamba in Brüssel bei
Wieland Kuijken, Meisterdiplom mit Auszeichnung 1995. Seit
1992 freischaffende Musikerin und Musiklehrerin
in Regensburg, Kurse für Gambenconsort, Instrumentaltechnik
und historischen Tanz im Inund Ausland, seit fünf Jahren
intensive
Beschäftigung mit Alexandertechnik und Qigong, seit zwei
Jahren Ausbildung zur Qigong-Lehrerin.
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