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gegangen
LYRIK UND LIED
Hymnologie im Internet
Wenn wir von einem „Lied“ sprechen, was in Zeiten
der Erarbeitung eines neuen Gesangbuchs oft geschieht, verbergen
sich hinter dem Stichwort „Lied“ viele Fragen:
Welche Fassung eines Liedes ist denn gemeint? Hatte das heute
dreistrophige Lied
vielleicht einmal doppelt so viele Strophen? Oder ist der Wortlaut
bisweilen das Ergebnis
von Revisionen, die sich mehr oder weniger weit vom Original entfernt
haben? Wer
solche Fragen beantworten will, der muss
– zunächst einmal ohne Erfolgsgarantie
– umfangreiche, bisweilen kaum leistbare Recherchen in alten
Gesangbüchern anstellen.
Für etliche Kirchen- und Volkslieder ersetzt der Besuch einer
Webseite jetzt solche
Suchanstrengungen.
www.lyrik-und-lied.de
Die wissenschaftliche Überschrift „Digitale Dokumentation
von lyrischen Kurztexten“
klingt nicht auf Anhieb einladend. Hinter ihr verbirgt sich ein
wissenschaftliches Verbundprojekt zur datenbankgestützten
Edition von Gedichten und Liedern, das 2004
bis 2006 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert
wurde. Neben dem
Deutschen Volksliedarchiv waren daran als Projektpartner der Interdisziplinäre
Arbeitskreis Gesangbuchforschung (Universität Mainz) sowie
das Deutsche Seminar I der Universität Freiburg (Projekt
„Freiburger Anthologie“) beteiligt.
Was bringt nun diese Website? Sie macht 169 Gedichte und Lieder
zugänglich, wobei jeweils nicht nur ein kultur- und rezeptionsgeschichtlicher
Kommentar geboten wird,
sondern zugleich mehrere Liedfassungen. Solche Text- und Melodiebelege
zeichnen
den Weg eines Liedes von seiner frühesten Überlieferung
bis in die Gegenwart nach.
Dabei kann man interessante hymnologische Beobachtungen machen:
etwa dass das
Lied „Maria durch ein Dornwald ging“ ursprünglich
auch die Taufe Jesu in mehreren
Strophen besingt, oder dass Bertolt Brecht eine Parodie auf das
Kirchenlied „Lobe den
Herren, den mächtigen König der Ehren“ verfasst
hat, oder dass es zu dem Marienlied
„Segne du, Maria“ auch eine neuere Umdichtung mit
dem Wortlaut „Segne du, Maria, unsern Priesterstand“
gibt, oder dass das Danklied „Nun danket alle Gott“
ursprünglich als Tischgebet und noch ohne einen Gedanken
an eine Vertonung verfasst wurde.
www.liederlexikon.de
Grundlage dieser Webseite ist ein „wirkungsgeschichtlich
angelegtes Editionskonzept“,
das vom Deutschen Volksliedarchiv und vom Arbeitskreis Gesangbuchforschung
entwickelt worden ist. Es hat zwei Vorteile: Zunächst weist
es der Hymnologie eine neue
Richtung, die viele Erkenntnisse verspricht, welche auch für
die kirchenmusikalische
Praxis fruchtbar gemacht werden können. Und zweitens ist
das Internet gerade für diese
Liedforschungen wie geschaffen, weil der „Benutzer“
nun ohne zeitraubende Recherchen
ein Lied sekundenschnell in mehreren Fassungen ansehen kann.
Sehr zu wünschen ist, dass diese Webseite – auch im
Blick auf das neue Gesangbuch
– materialreich weitergeführt wird. Die technischen
Grundlagen hierfür wurden im Rahmen des erwähnten Forschungsprojekts
der Deutschen Forschungsgemeinschaft bereitgestellt. Und vielleicht
könnte ein solches digitales Füllhorn ja sogar die wissenschaftlich
interdisziplinär angelegte Disziplin der Hymnologie aus ihrem
Dornröschenschlaf wecken?
Meinrad Walter
(Stand: 30. Dezember 2006)
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