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Ausgabe 2007/01
Januar/Februar

Ins Netz gegangen

LYRIK UND LIED
Hymnologie im Internet

Wenn wir von einem „Lied“ sprechen, was in Zeiten der Erarbeitung eines neuen Gesangbuchs oft geschieht, verbergen sich hinter dem Stichwort „Lied“ viele Fragen:
Welche Fassung eines Liedes ist denn gemeint? Hatte das heute dreistrophige Lied
vielleicht einmal doppelt so viele Strophen? Oder ist der Wortlaut bisweilen das Ergebnis
von Revisionen, die sich mehr oder weniger weit vom Original entfernt haben? Wer
solche Fragen beantworten will, der muss
– zunächst einmal ohne Erfolgsgarantie
– umfangreiche, bisweilen kaum leistbare Recherchen in alten Gesangbüchern anstellen.
Für etliche Kirchen- und Volkslieder ersetzt der Besuch einer Webseite jetzt solche
Suchanstrengungen.

www.lyrik-und-lied.de
Die wissenschaftliche Überschrift „Digitale Dokumentation von lyrischen Kurztexten“
klingt nicht auf Anhieb einladend. Hinter ihr verbirgt sich ein wissenschaftliches Verbundprojekt zur datenbankgestützten Edition von Gedichten und Liedern, das 2004
bis 2006 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Neben dem
Deutschen Volksliedarchiv waren daran als Projektpartner der Interdisziplinäre Arbeitskreis Gesangbuchforschung (Universität Mainz) sowie das Deutsche Seminar I der Universität Freiburg (Projekt „Freiburger Anthologie“) beteiligt.
Was bringt nun diese Website? Sie macht 169 Gedichte und Lieder zugänglich, wobei jeweils nicht nur ein kultur- und rezeptionsgeschichtlicher Kommentar geboten wird,
sondern zugleich mehrere Liedfassungen. Solche Text- und Melodiebelege zeichnen
den Weg eines Liedes von seiner frühesten Überlieferung bis in die Gegenwart nach.
Dabei kann man interessante hymnologische Beobachtungen machen: etwa dass das
Lied „Maria durch ein Dornwald ging“ ursprünglich auch die Taufe Jesu in mehreren
Strophen besingt, oder dass Bertolt Brecht eine Parodie auf das Kirchenlied „Lobe den
Herren, den mächtigen König der Ehren“ verfasst hat, oder dass es zu dem Marienlied
„Segne du, Maria“ auch eine neuere Umdichtung mit dem Wortlaut „Segne du, Maria, unsern Priesterstand“ gibt, oder dass das Danklied „Nun danket alle Gott“ ursprünglich als Tischgebet und noch ohne einen Gedanken an eine Vertonung verfasst wurde.

 

www.liederlexikon.de
Grundlage dieser Webseite ist ein „wirkungsgeschichtlich angelegtes Editionskonzept“,
das vom Deutschen Volksliedarchiv und vom Arbeitskreis Gesangbuchforschung
entwickelt worden ist. Es hat zwei Vorteile: Zunächst weist es der Hymnologie eine neue
Richtung, die viele Erkenntnisse verspricht, welche auch für die kirchenmusikalische
Praxis fruchtbar gemacht werden können. Und zweitens ist das Internet gerade für diese
Liedforschungen wie geschaffen, weil der „Benutzer“ nun ohne zeitraubende Recherchen
ein Lied sekundenschnell in mehreren Fassungen ansehen kann.
Sehr zu wünschen ist, dass diese Webseite – auch im Blick auf das neue Gesangbuch
– materialreich weitergeführt wird. Die technischen Grundlagen hierfür wurden im Rahmen des erwähnten Forschungsprojekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft bereitgestellt. Und vielleicht könnte ein solches digitales Füllhorn ja sogar die wissenschaftlich interdisziplinär angelegte Disziplin der Hymnologie aus ihrem Dornröschenschlaf wecken?

 

Meinrad Walter
(Stand: 30. Dezember 2006)

 
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