„Neume,
Geste, Stimme“
Wege zur Vermittlung des Gregorianischen Gesangs – der
7. Internationale Kongress der AISCGre
Der 7. Internationale Kongress für Gregorianik, 9. bis
14. Juni 2003 in Hildesheim, eröffnete 170 Teilnehmern und
zahlreichen Besuchern der Konzerte und Gottesdienste die unterschiedlichen
Arten der Vermittlung des Gregorianischen Chorals. Veranstaltet
wurde der Kongress von der Internationalen Gesellschaft für
Studien des Gregorianischen Chorals (AISCGre). Stadt und Bistum
Hildesheim übernahmen die Schirmherrschaft und machten den
Kongress „zu ihrer Sache“. Die große Resonanz
auf die Ausschreibung des Kongresses (auch aus Japan, Israel und
den USA waren Interessierte angereist) – zeigen den enormen
Wissensdurst und das Bedürfnis nach wachsendem Austausch.
Dementsprechend aktuell ist auch das Thema des Kongresses: die
Aneignung der Inhalte führt unweigerlich bei der Arbeit mit
einer Schola in die Auseinandersetzung mit der didaktischen Vermittlung
anhand der drei im Kongressmotto genannten Begriffe.
„Neume“
Wie jeder der in Abständen von zirka vier Jahren stattfindenden
Kongresse, behandelte auch dieser Kongress die Semiologie. Einen
der Vorträge zu dem Thema Liqueszenzzeichen hielt der Wiener
Professor Josef Kohlhäufl. Er verband die Entstehung dieses
phonetischen Phänomens mit der Aussprachereform in der Karolingischen
Renaissance.
„Geste“
Als besonders hilfreich wurden von vielen Teilnehmern die Workshops
„Dirigieren“ am Mittwoch und Donnerstag angesehen.
Die vier Dozenten H. Leenders (NL - Maastricht), Tulve (Estland
- Tallin), Pouderoijen (NL) und Schweitzer (D) eröffneten
Einblick in ihren Schatz der Handbewegungen sowie ihre didaktische
Vorgehensweise. Angeregt nahmen die Teilnehmer die Inhalte auf.
Es zeichnete sich ein starker Bedarf an Schulung in der Dirigierkunst
des Gregorianischen Chorals ab.
„Stimme“
Zu diesem Aspekt und damit der stimmlichen Realisation der Gregorianischen
Gesänge wurden praktische Einheiten angeboten. Die Gesangproben
bei verschiedenen Dozenten für alle Kongressteilnehmer mündeten
in dem Pontifikalamt am Sonntag, das Bischof Dr. Homeyer zelebrierte.
Die musikalische Gesamtleitung lag in den Händen von Prof.
Dr. Nino Albarosa. Außerdem gab es in Gottesdiensten und
Konzerten während der Woche viel Gelegenheit, sich von einer
Vielzahl an Scholen begeistern zu lassen – in den Gottesdiensten
die Schola Gregoriana am Dom zu Hildesheim, die Göttinger
Choralschola und die Schola der Hochschule für Musik und
Theater, Hannover; in den Konzerten die Schola Gregoriana Monacensis,
In Dulci Jubilo, das Consortium Vocale Oslo und die Schola Gregoriana
Maastricht.
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Ordensgewänder
prägten stark das Bild des Kongresses. |
Sehr präsent in den Vorträgen und Gesprächen war
Dom Eugène Cardine, der Begründer der Semiologie und
Initiator der AISCGre. Man suchte die Gemeinsamkeiten sehr stark,
konnte sich jedoch leider wenig über Gegensätzliches
austauschen. So wurden die Unterschiede in der Behandlung der
Bereiche Atmung, Stimmbildung nicht diskutiert – wohl auch
der Kürze der Zeit wegen. Aber auch ein stärkerer Austausch
über die Frage des Dirigates konnte leider nicht geschehen.
Ausgehend von einem Text von Dom Eugène Cardine über
das Dirigat hätten unter andererm folgende Fragen besprochen
werden können: Was spricht für ein neumenorientiertes
Dirigat, was dagegen? Wann beginnt ein an den Neumen orientiertes
Dirigat freie Gesten aufzunehmen?
Die Hoffnung der Veranstalter konnte sich erfüllen: der
Kongress war ein vitalisierendes Moment im Leben der AISCGre.
Kontakte wurden über Sprachbarrieren hinweg geknüpft.
Im Austausch mit den Teilnehmern war die Faszination des Gregorianischen
Choral spürbar und hat sicher auch die Konzert- und Gottesdienstbesucher
angesteckt.
Der Kongress war ein großer Erfolg – aber auch ein
Hinweis zur Vorsicht, wenn nicht zur notwendigen Wahrhaftigkeit
in der Forschung! Es überwiegen trotz der großen semiologischen
Erkenntnisse nicht die Antworten, sondern die Thesen. Wer einmal
den spannenden und theologisch so lohnenden Einblick in die Materie
gemacht hat, wird sich mit dieser schwierigen Situation der Semiologie
als Wissenschaft auseinandersetzen müssen. Viele paläographische
Momente sind schon erforscht – heute steht die Semiologie
im Austausch mit anderen Wissenschaften auf dem Prüfstand,
gerade mit dem Ziel, „auf der richtigen Spur“ zu bleiben.
Inga Behrendt
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