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Ausgabe 2002/01
Januar/Februar

Das neue katholische Gesangbuch als „Vademecum“

Interview mit Joachim Kardinal Meisner

Die Erarbeitung eines neuen Gebet- und Gesangbuches geht in ihre Startphase: In diesem Frühjahr werden mit der Besetzung der Unterkommission auf Ebene der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz die ersten personellen Entscheidungen gefällt. Dies ist für unsere Zeitschrift Anlass, einige Bischöfe und andere prominente Persönlichkeiten des kirchlichen Lebens zu diesem Thema zu interviewen. Den Anfang macht der Vorsitzende der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner. Stefan Klöckner und Claus Schürkämper sprachen mit dem Kardinal am 6. Dezember vergangenen Jahres im Bischofshaus in Köln.

Musica sacra (Ms): Herr Kardinal, beginnen wir vielleicht mit einigen Fragen zum EGB „Gotteslob“. Nach 25 Jahren: Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen, wie ist Ihre persönliche Meinung?


Kardinal Meisner stellt sich den Fragen des Schriftleiters Stefan Klöckner.
Foto: Schürkämper

Kardinal Meisner: Das Beste am „Gotteslob“ ist zunächst sein Titel! Die Uraufgabe der Kirche ist das Lob Gottes – die Anbetung, die Danksagung, der Lobpreis. Und darum ist das Gotteslob nicht etwas Peripheres, das man nebenbei macht, sondern das Zentrum. Wenn Descartes sagt: Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich, dann grenzt er das Menschsein auf das Denken ein. Wenn ich also nicht mehr denken kann, dann bin ich kein Mensch mehr. Ich aber müsste sagen: Laudo, ergo sum Christianus – Ich lobe, also bin ich ein Christ. Wenn man das nicht mehr tut, dann lobt man nur noch sich selbst – innerhalb und außerhalb der Kirche! Und Sie wissen: Eigenlob stinkt! Das ist die schlimmste Umweltverschmutzung, gegen die man auch nicht mit Weihrauch ankommt. Insofern befreit uns das Gotteslob von aller Verzwecklichung und lässt uns eine Mentalität durchbrechen, die immer nur sagt: Was macht mir Spaß? Was habe ich davon? Was nützt mir das? Was verdiene ich dabei? Und darum ist es eine sehr zentrale Aufgabe der Kirche, das Gotteslob zu feiern.

Ms: Welche Lieder, Texte und Gesänge mögen und schätzen Sie denn besonders?

Kardinal Meisner: Das Gotteslob bietet viele Lieder, die inzwischen zum gesanglichen Erbe in unseren Gemeinden geworden sind, und meines Erachtens dürften durchaus noch mehr solcher Lieder aufgenommen werden. Ich meine, ein Gesangbuch, das für eine Diözese oder eine ganze Region normativ ist, darf nicht dafür missbraucht werden, den Gläubigen modisches Gesangsgut beizubringen. Es sollte eher der Bestand dessen kodifiziert werden, was in den Gemeinden gesungen wird – sonst wird es ideologisch. Ich bin eigentlich traurig, dass fast das ganze 19. Jahrhundert in unserem Gesangbuch fehlt. Darum hat es sich selbst eine Barriere geschaffen, durch die es die Herzen der Menschen nicht erobert hat. Denken Sie nur an „Stille Nacht, heilige Nacht“: Diese Albernheit, das Lied ohne Noten abzudrucken und dann noch mit einem anderen Text, das spricht für sich. So ist es auch in manchen anderen Dingen mit dem Gesangbuch – dies ist auch ein Grund für das „Anschwellen“ der Diözesananteile, mit denen man Lücken geschlossen hat, die leider im „Gotteslob“ geblieben sind.

Ms: 1975: das Jahr Ihrer Bischofsweihe und Ernennung zum Weihbischof in Erfurt-Meiningen – zugleich auch das des Erscheinens des EGB „Gotteslob“. Welche Erinnerungen haben Sie an die Einführung des Gesangbuches?

Kardinal Meisner: Ich erinnere mich, dass ich große Auseinandersetzungen mit dem damaligen Domorganisten in Erfurt gehabt habe, der sich weigerte, im Erfurter Dom in der Heiligen Nacht „O du fröhliche“ und „Stille Nacht“ zu spielen. Nun war ich nicht der Ordinarius. Der Ordinarius hat immer gestöhnt und gefragt „Wie machen wir das, um unsere Gläubigen nicht zu enttäuschen?“ Nur mit Ach und Krach haben wir dann durchgesetzt, dass wenigstens „O du fröhliche“ gespielt wurde. Aber man hat gemerkt, mit welcher Herzlosigkeit das dann auf der Orgel heruntergeschlagen wurde. Das „Stille Nacht“ ist nie zu Gehör gekommen. Viele Leute sagten schließlich: „Gehen wir woanders hin und verzichten auf den schönen Dom.“ Das ist Folge der Ideologie, von der ich sprach, dazu darf die Liturgie nicht missbraucht werden.

Ms: Herr Kardinal, Sie haben schon angesprochen, dass Ihnen mit dem 19. Jahrhundert ein wichtiger stilistischer Aspekt im „Gotteslob“ fehlt – Gibt es pastoralliturgische und theologische Akzente, die Sie in einem neuen Gebet- und Gesangbuch gerne umgesetzt sähen?

Kardinal Meisner: Die Tagzeitenliturgie, die schon im „Gotteslob“ sehr positiv zu bewerten ist, müsste künftig weiter ausgebaut werden. Völlig umgearbeitet werden müsste der so genannte Andachtsteil, der in der jetzt vorliegenden Weise überhaupt nicht befriedigt. Denn das sind eigentlich keine Andachten im klassischen Sinn, sondern schlechte Wortgottesdienste. Vor dem ausgesetzten Allerheiligsten lassen sich diese Wortgottesdienste überhaupt nicht feiern, denn hier ist immer die direkte Anrede auf den im Sakrament anwesenden Herrn notwendig. Das muss sicherlich am allergründlichsten überarbeitet werden – darüber sind sich auch wohl alle einig.

Ms: Ebenfalls schon angeklungen ist die Ausweitung der Regionalteile. Es gibt Diözesen, die haben inzwischen bereits mehrere Erweiterungsanhänge. Wie wird in einem zukünftigen Gebet- und Gesangbuch Ihrer Meinung nach das Verhältnis zwischen dem Stamm- und dem jeweiligen Regionalteil sein müssen?

Kardinal Meisner: Das kann ich noch nicht sagen. Zunächst müssen die Fachleute einen Entwurf für das neue „Gotteslob“ vorlegen, den werden die Bischöfe dann kritisch prüfen. Alles Weitere wird sich daraus ergeben.

Ms: Ein weiteres Verhältnis soll noch kurz angesprochen sein, das zu den Gesangbüchern der anderen Konfessionen. Das neue „Evangelische Gesangbuch“ hat hier einen hohen Standard gesetzt, was Layout, stilistische Reichhaltigkeit und Anzahl der Lieder betrifft. Wie sollte es hier Ihrer Meinung nach aussehen?

Kardinal Meisner: Ich möchte, dass das neue katholische Gesangbuch ein wirkliches „Vademecum“ wird, das einen Christen von der Erstkommunion bis ins hohe Alter begleitet. Ich meine, unter allen Büchern, die wir drucken, ist keines so wichtig wie das Gebet- und Gesangbuch. Ich bedauere außerordentlich die Entwicklung, dass in allen Kirchen die Gesangbücher ausliegen, so dass kaum ein Mensch mehr sein eigenes Gesangbuch zum Gottesdienst mitzubringen braucht. Daher liegt es höchstwahrscheinlich zu Hause wohlverwahrt im Bücherschrank und wird kaum noch benutzt. Ich habe erlebt, dass beim Tod eines Pastors seine hinterbliebene Schwester keinen Totenzettel drucken ließ. Auf meine Nachfrage hin sagte sie: „Wo sollte man denn einen Totenzettel hinstecken? Die sind doch dafür da, sie in ein privates Gebetbuch zu legen und beim Gebet an den Verstorbenen zu denken, wenn der Blick darauf fällt. Aber wer hat das noch, ein privates Gebetbuch?“

Also müsste unser Buch so werden, dass es den Einzelnen zum Gottesdienst begleitet; und es wäre doch auch ganz schön, wenn man durch die Stadt mit dem Gesangbuch in der Hand geht. Das ist auch ein Zeichen des Bekenntnisses: Ich bin ein Christ, gehöre zu Christus, und feiere jetzt den Gottesdienst für alle, die in umgekehrter Richtung gehen. Das könnte uns wieder mit Selbstbewusstsein erfüllen: Wir sind nicht die Nachhut des Mittelalters, sondern die Vorhut einer Zukunft, von der die anderen Leute noch gar keine Ahnung haben. Das könnte in dieser Weise sichtbar werden.
Daher muss das künftige Gebet- und Gesangbuch auch ein schönes Buch werden – nicht nur schön anzusehen, sondern auch schön anzufassen. Auch sollten die Schrifttypen der oftmals nicht optimalen Beleuchtungssituation in unseren Kirchen entsprechen. Deshalb würde ich sehr hohe Ansprüche an ein neues „Gotteslob“ stellen – vielleicht sollte auch die ein oder andere sparsam eingesetzte Illustration enthalten sein. Aber – um es noch einmal zu sagen: Es ist nicht nur, wie man früher zu sagen pflegte, ein Rollenbuch für die Liturgie, in dem die Gläubigen finden, was sie zu tun und zu lassen haben, sondern es ist darüber hinaus ein Glaubensbuch, ein Gebetbuch, das mich durch den Alltag begleiten soll.

Ms: Eine vorletzte Frage: Ein in den letzten Jahren vieldiskutiertes Feld ist das Neue Geistliche Lied, das insbesondere bei Jugendlichen weit rezipiert worden ist. Wieweit sollte das Ihrer Meinung nach in einem neuen Gebet- und Gesangbuch vertreten sein?

Kardinal Meisner: Ich bin nun kein musikalischer Fachmann, meine aber, dass in einem Gesangbuch nicht nur Lieder vertreten sein sollten, die ein Spezialist gerne haben möchte, die aber kein gesangliches Erbe unserer Gemeinden sind. Ich vermute, dass das eine oder andere Neue Geistliche Lied inzwischen zum Allgemeingut unserer Gemeinden gehört – und dann gehört es auch ins „Gotteslob“! Darüber hinaus könnte man – wie bei den Katholikentagen – alle vier bis fünf Jahre ein neues Liedheft für Jugendgottesdienste herausgeben. Damit sollte man nicht ein neues Gesangbuch überfordern und überfrachten. Denn das „Gotteslob“ wäre womöglich sehr schnell überholt, wenn man Eintagsfliegen einfangen und darin einsperren würde.

Ms: Herr Kardinal, die letzte Frage: Können Sie etwas zu den Wegen sagen, die nun beschritten werden müssen, um ein neues Gebet- und Gesangbuch zu erarbeiten?

Kardinal Meisner: Die Bischofskonferenz hat beschlossen, eine Unterkommission innerhalb der Liturgiekommission zu gründen. Sie wird mit dieser Aufgabe betraut und muss dann mit kompetenten Leuten aus allen dafür nötigen Fachgebieten besetzt werden.

Ms: Herr Kardinal, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

 
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