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Das neue katholische Gesangbuch als Vademecum
Interview mit Joachim Kardinal Meisner
Die Erarbeitung eines neuen Gebet- und Gesangbuches geht in ihre Startphase: In diesem Frühjahr werden
mit der Besetzung der Unterkommission auf Ebene der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz die ersten
personellen Entscheidungen gefällt. Dies ist für unsere Zeitschrift Anlass, einige Bischöfe und
andere prominente Persönlichkeiten des kirchlichen Lebens zu diesem Thema zu interviewen. Den Anfang macht
der Vorsitzende der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof von Köln, Joachim
Kardinal Meisner. Stefan Klöckner und Claus Schürkämper sprachen mit dem Kardinal am 6. Dezember
vergangenen Jahres im Bischofshaus in Köln.
Musica sacra (Ms): Herr Kardinal, beginnen wir vielleicht mit einigen Fragen zum EGB Gotteslob.
Nach 25 Jahren: Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen, wie ist Ihre persönliche Meinung?

Kardinal Meisner stellt sich den Fragen des Schriftleiters Stefan Klöckner.
Foto: Schürkämper
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Kardinal Meisner: Das Beste am Gotteslob ist zunächst sein Titel! Die Uraufgabe der
Kirche ist das Lob Gottes die Anbetung, die Danksagung, der Lobpreis. Und darum ist das Gotteslob nicht
etwas Peripheres, das man nebenbei macht, sondern das Zentrum. Wenn Descartes sagt: Cogito, ergo sum
Ich denke, also bin ich, dann grenzt er das Menschsein auf das Denken ein. Wenn ich also nicht mehr denken kann,
dann bin ich kein Mensch mehr. Ich aber müsste sagen: Laudo, ergo sum Christianus Ich lobe, also
bin ich ein Christ. Wenn man das nicht mehr tut, dann lobt man nur noch sich selbst innerhalb und außerhalb
der Kirche! Und Sie wissen: Eigenlob stinkt! Das ist die schlimmste Umweltverschmutzung, gegen die man auch
nicht mit Weihrauch ankommt. Insofern befreit uns das Gotteslob von aller Verzwecklichung und lässt uns
eine Mentalität durchbrechen, die immer nur sagt: Was macht mir Spaß? Was habe ich davon? Was nützt
mir das? Was verdiene ich dabei? Und darum ist es eine sehr zentrale Aufgabe der Kirche, das Gotteslob zu feiern.
Ms: Welche Lieder, Texte und Gesänge mögen und schätzen Sie denn besonders?
Kardinal Meisner: Das Gotteslob bietet viele Lieder, die inzwischen zum gesanglichen Erbe in unseren
Gemeinden geworden sind, und meines Erachtens dürften durchaus noch mehr solcher Lieder aufgenommen werden.
Ich meine, ein Gesangbuch, das für eine Diözese oder eine ganze Region normativ ist, darf nicht dafür
missbraucht werden, den Gläubigen modisches Gesangsgut beizubringen. Es sollte eher der Bestand dessen
kodifiziert werden, was in den Gemeinden gesungen wird sonst wird es ideologisch. Ich bin eigentlich
traurig, dass fast das ganze 19. Jahrhundert in unserem Gesangbuch fehlt. Darum hat es sich selbst eine Barriere
geschaffen, durch die es die Herzen der Menschen nicht erobert hat. Denken Sie nur an Stille Nacht, heilige
Nacht: Diese Albernheit, das Lied ohne Noten abzudrucken und dann noch mit einem anderen Text, das spricht
für sich. So ist es auch in manchen anderen Dingen mit dem Gesangbuch dies ist auch ein Grund für
das Anschwellen der Diözesananteile, mit denen man Lücken geschlossen hat, die leider
im Gotteslob geblieben sind.
Ms: 1975: das Jahr Ihrer Bischofsweihe und Ernennung zum Weihbischof in Erfurt-Meiningen zugleich
auch das des Erscheinens des EGB Gotteslob. Welche Erinnerungen haben Sie an die Einführung
des Gesangbuches?
Kardinal Meisner: Ich erinnere mich, dass ich große Auseinandersetzungen mit dem damaligen Domorganisten
in Erfurt gehabt habe, der sich weigerte, im Erfurter Dom in der Heiligen Nacht O du fröhliche
und Stille Nacht zu spielen. Nun war ich nicht der Ordinarius. Der Ordinarius hat immer gestöhnt
und gefragt Wie machen wir das, um unsere Gläubigen nicht zu enttäuschen? Nur mit Ach
und Krach haben wir dann durchgesetzt, dass wenigstens O du fröhliche gespielt wurde. Aber
man hat gemerkt, mit welcher Herzlosigkeit das dann auf der Orgel heruntergeschlagen wurde. Das Stille
Nacht ist nie zu Gehör gekommen. Viele Leute sagten schließlich: Gehen wir woanders hin
und verzichten auf den schönen Dom. Das ist Folge der Ideologie, von der ich sprach, dazu darf die
Liturgie nicht missbraucht werden.
Ms: Herr Kardinal, Sie haben schon angesprochen, dass Ihnen mit dem 19. Jahrhundert ein wichtiger stilistischer
Aspekt im Gotteslob fehlt Gibt es pastoralliturgische und theologische Akzente, die Sie in
einem neuen Gebet- und Gesangbuch gerne umgesetzt sähen?
Kardinal Meisner: Die Tagzeitenliturgie, die schon im Gotteslob sehr positiv zu bewerten
ist, müsste künftig weiter ausgebaut werden. Völlig umgearbeitet werden müsste der so genannte
Andachtsteil, der in der jetzt vorliegenden Weise überhaupt nicht befriedigt. Denn das sind eigentlich
keine Andachten im klassischen Sinn, sondern schlechte Wortgottesdienste. Vor dem ausgesetzten Allerheiligsten
lassen sich diese Wortgottesdienste überhaupt nicht feiern, denn hier ist immer die direkte Anrede auf
den im Sakrament anwesenden Herrn notwendig. Das muss sicherlich am allergründlichsten überarbeitet
werden darüber sind sich auch wohl alle einig.
Ms: Ebenfalls schon angeklungen ist die Ausweitung der Regionalteile. Es gibt Diözesen, die haben
inzwischen bereits mehrere Erweiterungsanhänge. Wie wird in einem zukünftigen Gebet- und Gesangbuch
Ihrer Meinung nach das Verhältnis zwischen dem Stamm- und dem jeweiligen Regionalteil sein müssen?
Kardinal Meisner: Das kann ich noch nicht sagen. Zunächst müssen die Fachleute einen Entwurf
für das neue Gotteslob vorlegen, den werden die Bischöfe dann kritisch prüfen. Alles
Weitere wird sich daraus ergeben.
Ms: Ein weiteres Verhältnis soll noch kurz angesprochen sein, das zu den Gesangbüchern der
anderen Konfessionen. Das neue Evangelische Gesangbuch hat hier einen hohen Standard gesetzt, was
Layout, stilistische Reichhaltigkeit und Anzahl der Lieder betrifft. Wie sollte es hier Ihrer Meinung nach aussehen?
Kardinal Meisner: Ich möchte, dass das neue katholische Gesangbuch ein wirkliches Vademecum
wird, das einen Christen von der Erstkommunion bis ins hohe Alter begleitet. Ich meine, unter allen Büchern,
die wir drucken, ist keines so wichtig wie das Gebet- und Gesangbuch. Ich bedauere außerordentlich die
Entwicklung, dass in allen Kirchen die Gesangbücher ausliegen, so dass kaum ein Mensch mehr sein eigenes
Gesangbuch zum Gottesdienst mitzubringen braucht. Daher liegt es höchstwahrscheinlich zu Hause wohlverwahrt
im Bücherschrank und wird kaum noch benutzt. Ich habe erlebt, dass beim Tod eines Pastors seine hinterbliebene
Schwester keinen Totenzettel drucken ließ. Auf meine Nachfrage hin sagte sie: Wo sollte man denn
einen Totenzettel hinstecken? Die sind doch dafür da, sie in ein privates Gebetbuch zu legen und beim Gebet
an den Verstorbenen zu denken, wenn der Blick darauf fällt. Aber wer hat das noch, ein privates Gebetbuch?
Also müsste unser Buch so werden, dass es den Einzelnen zum Gottesdienst begleitet; und es wäre
doch auch ganz schön, wenn man durch die Stadt mit dem Gesangbuch in der Hand geht. Das ist auch ein Zeichen
des Bekenntnisses: Ich bin ein Christ, gehöre zu Christus, und feiere jetzt den Gottesdienst für alle,
die in umgekehrter Richtung gehen. Das könnte uns wieder mit Selbstbewusstsein erfüllen: Wir sind
nicht die Nachhut des Mittelalters, sondern die Vorhut einer Zukunft, von der die anderen Leute noch gar keine
Ahnung haben. Das könnte in dieser Weise sichtbar werden.
Daher muss das künftige Gebet- und Gesangbuch auch ein schönes Buch werden nicht nur schön
anzusehen, sondern auch schön anzufassen. Auch sollten die Schrifttypen der oftmals nicht optimalen Beleuchtungssituation
in unseren Kirchen entsprechen. Deshalb würde ich sehr hohe Ansprüche an ein neues Gotteslob
stellen vielleicht sollte auch die ein oder andere sparsam eingesetzte Illustration enthalten sein. Aber
um es noch einmal zu sagen: Es ist nicht nur, wie man früher zu sagen pflegte, ein Rollenbuch für
die Liturgie, in dem die Gläubigen finden, was sie zu tun und zu lassen haben, sondern es ist darüber
hinaus ein Glaubensbuch, ein Gebetbuch, das mich durch den Alltag begleiten soll.
Ms: Eine vorletzte Frage: Ein in den letzten Jahren vieldiskutiertes Feld ist das Neue Geistliche Lied,
das insbesondere bei Jugendlichen weit rezipiert worden ist. Wieweit sollte das Ihrer Meinung nach in einem
neuen Gebet- und Gesangbuch vertreten sein?
Kardinal Meisner: Ich bin nun kein musikalischer Fachmann, meine aber, dass in einem Gesangbuch nicht
nur Lieder vertreten sein sollten, die ein Spezialist gerne haben möchte, die aber kein gesangliches Erbe
unserer Gemeinden sind. Ich vermute, dass das eine oder andere Neue Geistliche Lied inzwischen zum Allgemeingut
unserer Gemeinden gehört und dann gehört es auch ins Gotteslob! Darüber hinaus
könnte man wie bei den Katholikentagen alle vier bis fünf Jahre ein neues Liedheft für
Jugendgottesdienste herausgeben. Damit sollte man nicht ein neues Gesangbuch überfordern und überfrachten.
Denn das Gotteslob wäre womöglich sehr schnell überholt, wenn man Eintagsfliegen
einfangen und darin einsperren würde.
Ms: Herr Kardinal, die letzte Frage: Können Sie etwas zu den Wegen sagen, die nun beschritten werden
müssen, um ein neues Gebet- und Gesangbuch zu erarbeiten?
Kardinal Meisner: Die Bischofskonferenz hat beschlossen, eine Unterkommission innerhalb der Liturgiekommission
zu gründen. Sie wird mit dieser Aufgabe betraut und muss dann mit kompetenten Leuten aus allen dafür
nötigen Fachgebieten besetzt werden.
Ms:
Herr Kardinal, herzlichen Dank für dieses Gespräch!
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