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Ausgabe 2001/02
März/April

Morgenlob – Abendlob mit der Gemeinde feiern

Eine wichtige Gottesdienstform der Zukunft – von Paul Ringeisen

Eigentlich ist es bedauerlich, dass viele Gemeinden erst dann über alternative Gottesdienstformen nachzudenken beginnen, wenn der letzte Pfarrer in den Ruhestand geht oder gestorben ist – und wenn feststeht, dass kein neuer Pfarrer mehr kommt. Nur noch die Hälfte der bisherigen Eucharistiefeiern kann dann stattfinden. Ist das alles, was uns an gottesdienstlicher Kultur noch bleibt? Zunehmend erfreut sich die Tagzeitenliturgie wachsender Wertschätzung und Beliebtheit – mit ihren auf die gemeindlichen Verhältnisse abgestimmten Formen, Symbolen und Gesängen und mit einer großen Spannbreite an Gestaltungsmöglichkeiten. Ein Kreis von Musikern und Theologen unter der Leitung des Münchner Pfarrers Paul Ringeisen erarbeitet seit einigen Jahren eine Reihe von Gestaltungshilfen für die gemeindliche Feier der Tagzeitenliturgie. In dieser und der nächsten Nummer unserer Zeitschrift soll eine theologisch-praktische Einleitung von Paul Ringseisen den Zugang zu dieser Gottesdienstform schaffen.

Zu Entstehung und Ziel

Auf der Suche nach neuen Gottesdienstformen, die dem heutigen Menschen entgegenkommen, bin ich seit langem dem Morgen- und Abendlob der frühen Kirche auf der Spur, einer Gottesdienstform, die trotz ihres Alters von bleibender Aktualität geblieben ist. Denn sie scheint mir in ihrer ursprünglichen Gestalt in idealer Weise dem zu entsprechen, was wir heute so dringend brauchen: eine einfache Grundgestalt, die sich ohne Abnutzungsgefahr beliebig wiederholen lässt, Gesänge und Texte, die auf das Lebens- und Glaubensgefühl der Menschen zugeschnitten sind, und eine Zeichen- und Ritensprache, die das Gefeierte anschaulich-sinnenhaft zum Ausdruck bringt und es in den tieferen Schichten des Menschen verwurzelt.

Der Versuch, dieses Urgebet der Kirche, das lange Zeit ihr (werk-)täglicher Gottesdienst war, heute in der komplexen und komplizierten Gestalt des traditionellen „Stundengebetes“ der Priester und Mönche in den Gemeinden wieder zu beheimaten, scheitert schlichtweg daran, dass unsere Gläubigen keine Kleriker sind. Die Frage ist also, wie aus dem allzu nüchternen Gebet für Spezialisten eine ansprechende Liturgie des Volkes Gottes werden kann. Dass und in welcher Weise dies möglich ist, ohne den Ursprung zu verleugnen, wollen die folgenden Modelle zeigen. Ihr Ziel ist es, den Gemeinden zu helfen, ihr „ureigenes Gebet“ (AES 279) wieder zu entdecken, es kennen und lieben zu lernen, freilich in heutigem Gewand. Von diesem Ziel ließen sich alle leiten, die an diesem Buch mitgearbeitet haben. Zu diesem Ziel sind alle unterwegs, die sich von ihm inspirieren lassen.

Diese Tagzeiten-Liturgie ist darum den Gruppen und Gemeinschaften in den Gemeinden gewidmet, die nach tragfähigen Gottesdienstformen – neben der Feier der Eucharistie für heute suchen. Ich weiß aus eigener Erfahrung um die Zerrissenheit vieler Seelsorger und Seelsorgerinnen (im sogenannten Laienstand ebenso wie im Klerikerstand) zwischen dem Wunsch, Neues zu wagen und der Not, damit überfordert zu sein. Das Buch will sie entlasten und ermutigen zugleich. Entlasten, nicht indem es die immer neue Mühe einer gründlichen Vorbereitung abnimmt, sondern indem es verhindert, dass aus der Lust („ich möchte ja gerne“) eine Last wird („aber ich weiß nicht, wie das gehen soll“). Ermuntern aber will es zu einem schöpferischen Umgang von Anfang an. Es liegen darin Schätze verborgen, die gesucht, gefunden und in der Feier ans Licht gehoben werden wollen. Entdecken, Probieren, Wiederholen und Variieren werden nach und nach nicht nur die eigene Glaubensfantasie beflügeln, sondern auch das Interesse und die Freude der Teilnehmer/-innen an der Sache wachsen lassen. Aus mancher anfänglichen Zumutung wird schließlich der Mut zu eigenen Versuchen entstehen.

Feier-Gehalt
1. Morgen- und Abendlob: Gottesdienste im Licht von Ostern

Die Tagzeiten-Liturgie ist österlich geprägt. An den neuralgischen Punkten des Tages, die unser Lebensgefühl besonders bestimmen, am Abend und am Morgen, erinnert uns die Kirche, dass wir von Ostern her leben. In ihrem Morgen- und Abendlob bezeugt sie die Gegenwart des österlichen Heils, mitten in einer scheinbar heillosen Welt, damals wie heute.

Mit der aufgehenden (beziehungsweise aufgegangenen) Sonne empfängt sie den neuen Tag. Im Zeichen der Sonne feiert sie die Auferstehung ihres Herrn, „die Sonne des Heils“, „das Licht aus der Höhe“ – lux oriens ex alto. Die Kirche „orientiert“ sich am Auferstandenen: die Welt, das Leben, der neue Tag liegen im Licht von Ostern. ,,Der Auferstandene ist Gottes endgültiges Ja zum Menschen und zur Welt“ (D. Bonhoeffer).
Dem morgendlichen österlichen Durch-Blick auf den Tag entspricht der Rück- und Ausblick am Abend. In die untergehende Sonne hinein verabschiedet die feiernde Gemeinde den zu Ende gehenden Tag. Dabei gedenkt sie des Todes ihres Herrn, des „Abendopfers seines Lebens“ (Augustinus). Während draußen das Licht der Sonne langsam erlischt, zündet sie drinnen Lichter an. So stellt sie, was heute geschehen ist, im Großen wie im Kleinen, hinein in das Licht des Erbarmens Gottes, das ihr in Jesu Liebe bis zum Äußersten buchstäblich aufgegangen ist: „Gott hat uns der Macht der Finsternis entrissen und in sein wunderbares Licht geführt.“ In allen Finsternissen leuchtet seit Ostern das Licht der Hoffnung, dass Gott uns durch alle Nächte hindurch dem Tag der Vollendung entgegen führt.

Abendlob – Morgenlob, die tägliche Feier unserer österlichen Erlösung, von der frühen Kirche über Jahrhunderte hinweg als „Tages-Pascha“ begangen, noch lange bevor es die tägliche Messe gab: ein Fingerzeig für unsere pastorale Not, wo es in vielen Gemeinden die tägliche Messe nicht mehr gibt?

2. Am Abend und am Morgen:
Im Dienst des Lobes und der Fürbitte

Was tut die Gruppe, die sich zum Abend- oder Morgenlob versammelt? Sie lässt in Lobpreis und Bitte den „aufglänzen“, den sie in ihrer Mitte glaubt: Christus, Gottes österliches Ja zu Mensch und Welt (2 Kor 1,20). Darin erfüllt sie ihren wichtigsten Dienst, zu dem Gott sie für die Welt erwählt hat. „In einem sind wir nicht zu ersetzen, das ist unsere erste und letzte Berufung, das rechtfertigt unsere Existenz vor Gott und der Welt: der Lobpreis Gottes“ (F. Kamphaus).

Gott in der Gemeinde loben, am Eingang und/oder Ausgang des Tages, aber heißt: sein heilendes Da-Sein in der Welt und für sie bezeugen; von seinen großen Taten für sie singend erzählen; seine Treue und sein Erbarmen für alle in Wort und Lied, in Zeichen und Tanz rühmen. Im Lob bekennt sich die feiernde Gemeinde zu dem, der sich in Christus zu ihr und zu allen Menschen bekannt hat. Lobend stimmt sie dem zu, der ihr in Christi Hingabe und Auferweckung ein für allemal zugestimmt hat. Im Lobpreis besteht sie rühmend auf den, der in seinem Einsatz für die Welt bis zum Äußersten ging und so auf ihr Wohl und Heil bestand.

Gott loben in dieser Welt heißt aber, so lange wir auf Erden sind, immer zugleich: ihn für sie bitten. Das Lob der Kirche bleibt ein Lob unter Tränen„vermischt mit den Seufzern“ der ganzen Schöpfung (Augustinus). Die Fürbitte der Gemeinde kommt aus ihrem Gotteslob: Gerade weil wir Gott seine leidenschaftliche Liebe zur Welt im Zeichen des Auferstandenen glauben, nehmen wir sie in der Fürbitte unablässig in Anspruch. Wohin mit all der Misere, die nach Erbarmen schreit, wenn wir nicht betend wüssten um den, der „ein Herz hat für unsere Misere“ (miseri-cor-dia), der Platz hat in seinem Herzen für die Sorgen und Nöte der ganzen Welt?

So hält die feiernde Gemeinde in Lob und Bitte die Hoffnung der Menschheit, ja die Sehnsucht der ganzen Schöpfung nach Vollendung hoch – ein wahrhaft prophetischer Dienst an der Welt. Im „Luxus“ des Lobes hält sie den Sinn dafür wach, wovon wir selbst und alle Welt Tag für Tag leben: vom Unbezahlbaren, von dem, was wir geschenkt (gratis) bekommen, von Gottes österlicher Liebe bei Tag und bei Nacht.

 

aus: Morgenlob – Abendlob mit der Gemeinde feiern, Bd.1: Fastenzeit-Osterzeit, hg. v. Paul Ringeisen mit Wolfgang Bretschneider, Markus Eham, Stefan Klöckner und Heinz Martin Lonquich, promultis-Verlag, Planegg 2000

 
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