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Morgenlob Abendlob mit der Gemeinde feiern
Eine wichtige Gottesdienstform der Zukunft von Paul Ringeisen
Eigentlich ist es bedauerlich, dass viele Gemeinden erst dann
über alternative Gottesdienstformen nachzudenken beginnen,
wenn der letzte Pfarrer in den Ruhestand geht oder gestorben ist
und wenn feststeht, dass kein neuer Pfarrer mehr kommt. Nur
noch die Hälfte der bisherigen Eucharistiefeiern kann dann
stattfinden. Ist das alles, was uns an gottesdienstlicher Kultur
noch bleibt? Zunehmend erfreut sich die Tagzeitenliturgie wachsender
Wertschätzung und Beliebtheit mit ihren auf die gemeindlichen
Verhältnisse abgestimmten Formen, Symbolen und Gesängen
und mit einer großen Spannbreite an Gestaltungsmöglichkeiten.
Ein Kreis von Musikern und Theologen unter der Leitung des Münchner
Pfarrers Paul Ringeisen erarbeitet seit einigen Jahren eine Reihe
von Gestaltungshilfen für die gemeindliche Feier der Tagzeitenliturgie.
In dieser und der nächsten Nummer unserer Zeitschrift soll
eine theologisch-praktische Einleitung von Paul Ringseisen den Zugang
zu dieser Gottesdienstform schaffen.
Zu Entstehung und Ziel
Auf der Suche nach neuen Gottesdienstformen, die dem heutigen
Menschen entgegenkommen, bin ich seit langem dem Morgen- und Abendlob
der frühen Kirche auf der Spur, einer Gottesdienstform, die
trotz ihres Alters von bleibender Aktualität geblieben ist.
Denn sie scheint mir in ihrer ursprünglichen Gestalt in idealer
Weise dem zu entsprechen, was wir heute so dringend brauchen: eine
einfache Grundgestalt, die sich ohne Abnutzungsgefahr beliebig wiederholen
lässt, Gesänge und Texte, die auf das Lebens- und Glaubensgefühl
der Menschen zugeschnitten sind, und eine Zeichen- und Ritensprache,
die das Gefeierte anschaulich-sinnenhaft zum Ausdruck bringt und
es in den tieferen Schichten des Menschen verwurzelt.
Der Versuch, dieses Urgebet der Kirche, das lange Zeit ihr (werk-)täglicher
Gottesdienst war, heute in der komplexen und komplizierten Gestalt
des traditionellen Stundengebetes der Priester und Mönche
in den Gemeinden wieder zu beheimaten, scheitert schlichtweg daran,
dass unsere Gläubigen keine Kleriker sind. Die Frage ist also,
wie aus dem allzu nüchternen Gebet für Spezialisten eine
ansprechende Liturgie des Volkes Gottes werden kann. Dass und in
welcher Weise dies möglich ist, ohne den Ursprung zu verleugnen,
wollen die folgenden Modelle zeigen. Ihr Ziel ist es, den Gemeinden
zu helfen, ihr ureigenes Gebet (AES 279) wieder zu entdecken,
es kennen und lieben zu lernen, freilich in heutigem Gewand. Von
diesem Ziel ließen sich alle leiten, die an diesem Buch mitgearbeitet
haben. Zu diesem Ziel sind alle unterwegs, die sich von ihm inspirieren
lassen.
Diese Tagzeiten-Liturgie ist darum den Gruppen und Gemeinschaften
in den Gemeinden gewidmet, die nach tragfähigen Gottesdienstformen
neben der Feier der Eucharistie für heute suchen. Ich
weiß aus eigener Erfahrung um die Zerrissenheit vieler Seelsorger
und Seelsorgerinnen (im sogenannten Laienstand ebenso wie im Klerikerstand)
zwischen dem Wunsch, Neues zu wagen und der Not, damit überfordert
zu sein. Das Buch will sie entlasten und ermutigen zugleich. Entlasten,
nicht indem es die immer neue Mühe einer gründlichen Vorbereitung
abnimmt, sondern indem es verhindert, dass aus der Lust (ich
möchte ja gerne) eine Last wird (aber ich weiß
nicht, wie das gehen soll). Ermuntern aber will es zu einem
schöpferischen Umgang von Anfang an. Es liegen darin Schätze
verborgen, die gesucht, gefunden und in der Feier ans Licht gehoben
werden wollen. Entdecken, Probieren, Wiederholen und Variieren werden
nach und nach nicht nur die eigene Glaubensfantasie beflügeln,
sondern auch das Interesse und die Freude der Teilnehmer/-innen
an der Sache wachsen lassen. Aus mancher anfänglichen Zumutung
wird schließlich der Mut zu eigenen Versuchen entstehen.
Feier-Gehalt
1. Morgen- und Abendlob: Gottesdienste im Licht von Ostern
Die Tagzeiten-Liturgie ist österlich geprägt. An den
neuralgischen Punkten des Tages, die unser Lebensgefühl besonders
bestimmen, am Abend und am Morgen, erinnert uns die Kirche, dass
wir von Ostern her leben. In ihrem Morgen- und Abendlob bezeugt
sie die Gegenwart des österlichen Heils, mitten in einer scheinbar
heillosen Welt, damals wie heute.
Mit der aufgehenden (beziehungsweise aufgegangenen) Sonne empfängt
sie den neuen Tag. Im Zeichen der Sonne feiert sie die Auferstehung
ihres Herrn, die Sonne des Heils, das Licht aus
der Höhe lux oriens ex alto. Die Kirche orientiert
sich am Auferstandenen: die Welt, das Leben, der neue Tag liegen
im Licht von Ostern. ,,Der Auferstandene ist Gottes endgültiges
Ja zum Menschen und zur Welt (D. Bonhoeffer).
Dem morgendlichen österlichen Durch-Blick auf den Tag entspricht
der Rück- und Ausblick am Abend. In die untergehende Sonne
hinein verabschiedet die feiernde Gemeinde den zu Ende gehenden
Tag. Dabei gedenkt sie des Todes ihres Herrn, des Abendopfers
seines Lebens (Augustinus). Während draußen das
Licht der Sonne langsam erlischt, zündet sie drinnen Lichter
an. So stellt sie, was heute geschehen ist, im Großen wie
im Kleinen, hinein in das Licht des Erbarmens Gottes, das ihr in
Jesu Liebe bis zum Äußersten buchstäblich aufgegangen
ist: Gott hat uns der Macht der Finsternis entrissen und in
sein wunderbares Licht geführt. In allen Finsternissen
leuchtet seit Ostern das Licht der Hoffnung, dass Gott uns durch
alle Nächte hindurch dem Tag der Vollendung entgegen führt.
Abendlob Morgenlob, die tägliche Feier unserer österlichen
Erlösung, von der frühen Kirche über Jahrhunderte
hinweg als Tages-Pascha begangen, noch lange bevor es
die tägliche Messe gab: ein Fingerzeig für unsere pastorale
Not, wo es in vielen Gemeinden die tägliche Messe nicht mehr
gibt?
2. Am Abend und am Morgen:
Im Dienst des Lobes und der Fürbitte
Was tut die Gruppe, die sich zum Abend- oder Morgenlob versammelt?
Sie lässt in Lobpreis und Bitte den aufglänzen,
den sie in ihrer Mitte glaubt: Christus, Gottes österliches
Ja zu Mensch und Welt (2 Kor 1,20). Darin erfüllt sie ihren
wichtigsten Dienst, zu dem Gott sie für die Welt erwählt
hat. In einem sind wir nicht zu ersetzen, das ist unsere erste
und letzte Berufung, das rechtfertigt unsere Existenz vor Gott und
der Welt: der Lobpreis Gottes (F. Kamphaus).
Gott in der Gemeinde loben, am Eingang und/oder Ausgang des Tages,
aber heißt: sein heilendes Da-Sein in der Welt und für
sie bezeugen; von seinen großen Taten für sie singend
erzählen; seine Treue und sein Erbarmen für alle in Wort
und Lied, in Zeichen und Tanz rühmen. Im Lob bekennt sich die
feiernde Gemeinde zu dem, der sich in Christus zu ihr und zu allen
Menschen bekannt hat. Lobend stimmt sie dem zu, der ihr in Christi
Hingabe und Auferweckung ein für allemal zugestimmt hat. Im
Lobpreis besteht sie rühmend auf den, der in seinem Einsatz
für die Welt bis zum Äußersten ging und so auf ihr
Wohl und Heil bestand.
Gott loben in dieser Welt heißt aber, so lange wir auf Erden
sind, immer zugleich: ihn für sie bitten. Das Lob der Kirche
bleibt ein Lob unter Tränenvermischt mit den Seufzern
der ganzen Schöpfung (Augustinus). Die Fürbitte der Gemeinde
kommt aus ihrem Gotteslob: Gerade weil wir Gott seine leidenschaftliche
Liebe zur Welt im Zeichen des Auferstandenen glauben, nehmen wir
sie in der Fürbitte unablässig in Anspruch. Wohin mit
all der Misere, die nach Erbarmen schreit, wenn wir nicht betend
wüssten um den, der ein Herz hat für unsere Misere
(miseri-cor-dia), der Platz hat in seinem Herzen für die Sorgen
und Nöte der ganzen Welt?
So hält die feiernde Gemeinde in Lob und Bitte die Hoffnung
der Menschheit, ja die Sehnsucht der ganzen Schöpfung nach
Vollendung hoch ein wahrhaft prophetischer Dienst an der
Welt. Im Luxus des Lobes hält sie den Sinn dafür
wach, wovon wir selbst und alle Welt Tag für Tag leben: vom
Unbezahlbaren, von dem, was wir geschenkt (gratis) bekommen, von
Gottes österlicher Liebe bei Tag und bei Nacht.
aus: Morgenlob Abendlob mit der Gemeinde feiern, Bd.1:
Fastenzeit-Osterzeit, hg. v. Paul Ringeisen mit Wolfgang Bretschneider,
Markus Eham, Stefan Klöckner und Heinz Martin Lonquich, promultis-Verlag,
Planegg 2000
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