Das Authentische an Bach ist seine geistliche Dimension
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Interview mit Thomaskantor Georg Christoph Biller
Herr Professor Biller, wie beginnt der Weg eines Thomaners?
Am Anfang steht natürlich das Interesse für den Thomanerchor.
Eine Eignungsprüfung klärt die stimmlichen und musikalischen
Voraussetzungen, und auch von der schulischen Seite her gibt es
Bedingungen: Die Thomaner müssen ja in kürzerer Zeit als
andere ihre Pensum erledigen können. In jüngster Zeit
beginnen wir in der Schule mit der 1. Klasse (die 1. bis 3. Klasse
natürlich nur für die in Leipzig wohnenden Kinder). Das
ist notwendig, denn was früher zum Beispiel in meiner
eigenen Thomaner-Zeit von Hause aus durch Hausmusik, frühzeitigen
Instrumentalunterricht und Kurrendearbeit an musikalischer Vorbereitung
geleistet wurde, das fällt heute nahezu völlig aus.
Die Arbeit fängt im Kindergarten an
In welchem Alter beginnt es dann?
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Thomaskantor Prof.
Georg Christoph Biller,
Foto: Gert Mothes, Leipzig
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Mit 7 Jahren, wenn man in die 1. Klasse kommt. Wobei wir allerdings
auch schon in die Kindergärten hier in Leipzig gehen, um für
die Aufnahme in die 1. Klasse der Thomas-Schule talentierten Nachwuchs
zu werben. Dann wird ausgewählt, und hierbei spielt dann auch
die Konzentrationsfähigkeit eine wichtige Rolle. Mit der 4.
Klasse also mit 9 oder 10 Jahren wird man nach einer
Aufnahmeprüfung in den Chor aufgenommen. Die Jungen müssen
dann schon etwas Mittelschweres vom Blatt singen können, sonst
kämen sie in der normalen Chorarbeit ja gar nicht mit. Daneben
müssen sie ein Instrument spielen, und das Schulzeugnis muss
zeigen, dass sie neben den Belastungen der Arbeit im Chor auch die
Schule gut bewältigen können.
Sind die Jahrgänge qualitativ unterschiedlich oder vergleichbar?
Nun, das ist teilweise schon sehr unterschiedlich. Wir müssen
auf jeden Fall gut auswählen, und manche Eltern wundern sich
dann, dass ihr für ihre Maßstäbe gut ausgebildeter
Knabe dann nicht genommen wird. Aber wenn ein Jahrgang nun nicht
so gut ist, dann muss man (um mit einem Zitat zu reden) auch
die Mittleren nehmen.
Besorgt um die Qualität des Nachwuchses
Sie können aber doch auswählen aus einem reichen Schatz
an Interessenten?
Na, so reich ist der Schatz nicht. Zwar meinen wir momentan einen
leichten Aufwärtstrend ausmachen zu können, aber ich blicke
doch etwas besorgt in die Zukunft vor allem, was die Qualität
des Nachwuchses betrifft. Vielleicht sind musikalische Begabungen
so reichhaltig wie früher, aber die musischen Anregungen durch
das Elternhaus (vor allem mit Blick auf das aktive Musizieren) haben
doch drastisch nachgelassen. Auch in unserer Gesellschaft mit ihrem
unmusischen Event-Charakter werden musikalische Begabungen nicht
genügend erkannt und ausgeprägt.
Das liegt ja sicherlich an der Bevorzugung des passiven
Rezipierens vor dem Selber-Machen ...
Unbedingt. Die Konsumenten-Haltung wird ja von frühen Kindesbeinen
an gefördert. Der Fernseher zum Beispiel verurteilt den Zuschauer
dazu, nur Konsument sein zu dürfen. Dazu ist die Fülle
der einstürmenden Reize so, dass das Gesehene und Gehörte
nur noch zu einem geringen Grad richtig aufgenommen werden kann.
Und dann schaue man sich mal von diesem Bildungsträger
Fernsehen die Programme an: Es gibt da nur ganz wenig Kanäle,
die ich als gut und wertvoll bezeichnen
kann, weil sie noch einen Bildungsauftrag erfüllen was
ja eigentlich grundsätzlich der Fall sein sollte. Weil aber
die Masse Bildung als beschwerlich empfindet, wird Unterhaltung
vorgezogen womit sich dieses geschmacksprägende Medium
unter Wert verkauft. Natürlich muss Unterhaltung sein (das
habe ich nach langen Arbeitstagen auch mal gerne) aber nicht
so ausschließlich und so flächendeckend niveaulos!
Wie bewerten Sie denn im Zusammenhang Medien die
ständig steigende Zahl an qualitätiv hochstehenden Einspielungen
zum Beispiel Bachscher Werke auf CD? Ist es nicht manchmal
furchtbar frustrierend für Sie mit Ihrem der Bach-Tradition
verpflichteten Chor, gegen diese Dokumentationen höchster Profi-Kultur
anzukommen?
Das ist schwer! Wenn ich die Wirkungsweise des Thomanerchores
in den 30er- und 40er-Jahren mit uns heute vergleiche, dann haben
wir es wesentlich schwerer. In allen Krisenzeiten (Nazi-Zeit, DDR)
konnten die Thomaner (wiewohl mit städtischer Schule und städtischem
Internat) stets ihren Auftrag erfüllen, zur höheren Ehre
Gottes zu musizieren, und sie hatten dafür auch ihr Publikum.
Nun hat sich aber die Konkurrenzsituation total verändert.
In den 30er-Jahren fand die Bachpflege bis auf einige andere Zentren
hier in Leipzig statt, und die Thomaner als Bachs Chor
waren da schon eine Nummer 1. Heute gibt es im professionellen
und semiprofessionellen Bereich Kammerchöre mit Erwachsenen,
die sich auf Bach spezialisiert haben allein dadurch haben
sie einen großen Vorteil, weil Kinder heutzutage schwerer
zu dem zu bringen sind, was man heute an Bach-Interpretation erwartet
und auch erwarten darf.
... nur wer sich ändert, bleibt sich treu ...
Zurück zu den Thomanern: Bleiben die Jungen denn nach
der Schulzeit dem Thomanerchor treu?
Im Moment ist es so, dass wir die Thomaner verabschieden mit dem
Abitur. Das bringt für die Männerstimmen immer wieder
große Probleme: Denn Bach verlangt eine ausgewachsene Männerstimme
für viele Partien, und Reifung braucht ihre Zeit, vor allem,
wenn der Stimmbruch dazwischen liegt. Andererseits macht natürlich
die durchgängig gleichbleibende Art des Singens bis hin zur
jungen Männerstimme den besonderen Reiz der Thomaner aus. Wir
sind aber in Überlegungen hinsichtlich einer Strukturänderung.
Solche Veränderungen sind dringend notwendig denn die
Erhaltung der Substanz ist die wichtigste Aufgabe bei der Wahrung
der Tradition. Wolf Biermann hat einmal gesagt: Nur wer sich
ändert, bleibt sich treu! Über die Konsequenzen,
die das haben müsste, kann man lange nachdenken.
Sie selber sind durch die Schule der Thomaner gegangen. Was
hat denn der Chor noch für Berühmtheiten hervorgebracht?
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Georg Christoph Biller
Georg Christoph Biller, geb. 1952 in Nebar/Unstrut, 1965 bis
1974 Thomaner. 1976 bis 1981 Studium Orchesterdirigieren
an der Leipziger Hochschule für Musik, unter anderem
bei Kurt Masur. Solistische Tätigkeit als Lied- und Oratoriensänger.
1980 bis 1991 Dirigent des Leipziger Gewandhauschores. 1991/92
Dozent für Chorleitung an den Musikhochschulen Frankfurt/Main
und Detmold. Seit 1992 als 16. Nachfolger Johann Sebastian
Bachs Thomaskantor. Seit 1994 Professor für Chorleitung
an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig.
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Nun, bei allem Stolz wollen wir da keinen Lokalpatriotismus kultivieren.
Aber es gab eine ganze Reihe von berühmten Thomanern, die wir
nie großartig aufzählen, aber die man doch nennen kann:
Die Kantoren Ramin und Mauersberger waren Thomaner, ebenso die Dirigenten
Bernhard Klee und Hanns Martin Schneidt; mein Vorgänger Rotzsch
war Gastsänger bei den Thomanern; genannt werden jetzt natürlich
immer die Prinzen als ein besonders farbiger Tupfer.
Sie haben ja in der Pop-Szene eine steile Karriere gemacht
was uns in keiner Weise stört, wir sind sogar schon mit ihnen
zusammen aufgetreten. Aber auch eine ganze Reihe guter und bekannter
Sänger ist aus den Reihen der Thomaner hervorgegangen.
Acht Jahrhunderte Musikgeschichte
Natürlich bringt man die Thomaner in erster Linie in Verbindung
mit Johann Sebastian Bach. Singen Sie auch andere Literatur?
Im Jahr 2000 wird es natürlich vorrangig Bach sein. Aber
selbst in diesem Jahr werden noch andere Komponisten auf dem Programm
erscheinen. Sonst achte ich sehr darauf, dass bei aller Dominanz
Bachscher Werke die acht Jahrhunderte, die der Chor
besteht, auch als klingende Musikgeschichte repräsentiert werden.
So beginnt unser Repertoire mit der Gregorianik und hört mit
der Gegenwart auf. Es gibt zahlreiche Uraufführungen mit dem
Thomanerchor eine Tradition unseres Chores, wenn man bedenkt,
dass es nicht nur zur Zeit Bachs wöchentlich Uraufführungen
gab.
Sind die Thomaner hinsichtlich ihrer musikalischen Arbeit eher
ein Konzert- oder ein liturgischer Chor?
Nun, man kann überall in allen Prospekten lesen, was auch
der Realität entspricht: Die Thomaner verstehen sich zuerst
als ein Chor für den Gottesdienst, für die Verkündigung!
Jeden Freitag gestalten wir die Motette in Form der liturgischen
Vesper und jeden Sonnabend Motette und Kantate, eine andere Form
sie wirkt etwas konzertanter, ist aber auch ein
Gottesdienst, denn dort gibt es liturgische Elemente wie Gebet,
Ansprache, Lied und Segen durch den Pfarrer der Thomaskirche. Dazu
kommt dann noch der Sonntagsgottesdienst, wo mindestens die Hälfte
des Thomanerchores singt. Konzerte in Leipzig sind deshalb die Ausnahme,
weil neben Weihnachtsoratorium und Passion (und vielleicht einem
Sonderkonzert) die Leipziger da nicht kommen sie können
uns ja jede Woche im Gottesdienst kostenlos erleben! Also möchte
ich schätzen, dass in Leipzig 4/5 unseres Dienstes liturgisch
sind. Natürlich finden die konzertanten Aktivitäten eher
bei unseren Reisen und Tourneen statt. Allerdings sind auch da die
Programme betont liturgisch aufgebaut. Das führt dann mal zu
etwas kuriosen Situationen: Vor kurzem hatten wir eine Rundreise
durch Norddeutschland bis hin nach Berlin, und da schrieb ein Kritiker,
dass das Sammelsurium kleinerer Stücke nicht überzeugen
konnte dem Kritiker war entgangen, dass wir eine Messe gesungen
hatten, in der alle Teile durch verschiedene Kompositionen auch
unterschiedlicher Epochen repräsentiert waren. Ein Problem
unserer Zeit: Das Normale, Grundsätzliche unserer Kirche ist
nicht mehr bewusst ...
Brückenschlag in die Welt
Nun haben Sie ja mit der Mitwirkung bei den Bach-Kreationen
einen Schritt getan aus der Kirche heraus in das Opernhaus hinein.
Wie geht es denn dem Kirchenmusiker Biller, wenn er mit geistlichen
Werken Bachs in ein Opernhaus geht und sieht, dass daraus ein Ballett
wird?
Mir geht es damit gut! Das Projekt hat natürlich auch mit
der Stellung des Thomanerchores als städtischer Einrichtung
zu tun. Mit der Reformation wurde ja unsere Schule, die damals kirchlich
war und für die man eigentlich keine Verwendung mehr hatte,
nicht geschlossen, sondern die oft gescholtenen Leipziger Stadtväter
(die damals aber einen weiten Horizont besaßen) übernahmen
diese Institution. Seitdem stehen die Thomaner in städtischer
Finanzierung was heutzutage (wo wieder alles zur Disposition
gestellt wird) gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Die
Thomaner hätten nach der Wende ihrer eigentlichen Bestimmung
nach wieder in kirchliche Trägerschaft kommen können.
Ich war stets dagegen, weil die städtische Finanzierung zwar
auch dem Sparzwang unterliegt, aber bei weitem nicht so wie die
Landeskirche. Und außerdem halte ich es für die Chance
des Brückenschlags von der Kirche in die Welt. Auch die Welt
kann sich durch den Thomanerchor der Kirche annähern. Wir haben
durch unsere Aufführungen sicherlich eine ganze Menge von Ballett-Interessierten,
die noch nie einen Fuß in die Kirche gesetzt haben, überzeugt,
auch mal in die Thomaskirche zu kommen.
Also auch dort im Opernhaus Verkündigungsarbeit?
Natürlich, das ist Verkündigung. Wobei das Umsetzen
einer Bachschen Partitur ins Optische auch Probleme mit sich
bringt und Kritik nach sich zog.
Worin bestand diese Kritik?
Der Leiter des hiesigen Bach-Archivs, Prof. Dr. Schulze, äußerte
in seinem Eröffnungsreferat des Symposiums zum Bachbild
des 20. Jahrhunderts, dass offensichtlich die Gefahr bestünde,
die Substanz der Musik zu schmälern, weil in unserer Zeit alles
visualisiert werden müsse. Das optische Moment ziehe alle Aufmerksamkeit
an sich und das Hören würde vernachlässigt
... Dazu meine ich, dass natürlich die Bachsche Musik
das Optische nicht braucht; andererseits ist sie so zutiefst vom
Tanz als elementarer menschlicher Äußerungsform geprägt,
dass sich eine bestechende Korrespondenz ergibt. Hier reizt mich
die Verbindung von Gesang und Bewegung wie sie zum Beispiel
in den Psalmen selbstverständlich ist. Zudem sehe ich in der
Choreografie von Uwe Scholz nicht zuerst das Illustrative, sondern
ein primär meditatives Element. Der Höhepunkt dieses Abends
ist für mich der Choralchor Sei nun wieder zufrieden,
wo die nicht mehr beschreibbare kompositorische Dichte ihre Entsprechung
auf der Bühne findet.
Es gibt das Diktum eines Musikwissenschaftlers, der angesichts
des Lebenslaufes Bachs gesagt hat: Bach hätte auch ein
herausragender Opernkomponist werden können!. Teilen
Sie diese Einschätzung?
Ja unbedingt! Sein dramatisches Talent war neben den vielen anderen
Begabungen ausgesprochen ausgeprägt nehmen Sie nur die
beiden großen Passionen! Das hätte als szenische Musik
eine solche Dramatik auf die Bühne gebracht, von der Händel
nur hätte träumen können.
Geld ist heute wichtiger als musische Ausbildung
Was ist mit der Wiedervereinigung Deutschlands für die
Thomaner leichter, was schwerer geworden?
Leichter geworden ist es für das Selbstverständnis. Früher
gab es starke Bestrebungen, die Thomaner aus ihrem kirchlichen Kontext
herauszulösen, um sie zu staatlichen Kulturträgern zu
machen. Dass es ein kirchlicher Chor mit kirchlicher Tradition war
(Bachs Chor!), hat ihn davor bewahrt. Übrigens hatten die Nazis
das auch schon vor ... Aber ideologisch ist es nach der Wende nicht
einfacher geworden: Die Kirchenfeindlichkeit Ost hat
sich auf interessante Weise mit der Kirchenfeindlichkeit West
verbündet. Ich hatte nie die Illusion, als in der Wendezeit
die Kirchen voll waren, dass damit für die Kirchen nun eine
bessere Zeit anbrechen würde. Und das hatte sich ja auch sofort
erledigt, als die Mauer offen war da waren die Kirchen wieder
leer. Wir haben es mit einem ganz tief verwurzelten Atheismus in
der ehemaligen DDR zu tun, der Früchte getragen hat. Das Unmusische
der DDR-Gesellschaft hat durch die Wiedervereinigung einen kräftigen
Schub bekommen Reisen, Flexibilität, Geld ist wichtiger
geworden als eine fundierte musische Ausbildung.
Was wünscht sich der Thomaskantor Biller für das Bach-Jahr
2000?
Ich wünsche mir, dass wir von der Ideologisierung der Bach-Interpretation
(und auch der Sicht von Bach) wegkommen. Bach ist auch in
geistiger Hinsicht ein Phänomen; sein tiefes Verständnis
der Bibeltexte, seine Frömmigkeit einerseits seine Diesseitsbejahung,
sein Fest-in-der-Welt-Stehen andererseits könnte
für uns Beispiel sein, das Schubladen-Denken hier Welt
dort Kirche zu überwinden. Und dann glaube ich,
dass beim dringend notwendigen Reformationsprozess der Kirchen im
21. Jahrhundert, der vor allem aus der Notwendigkeit des Zusammenwachsens
der beiden Großkirchen resultiert, Bach als eigentlicher Reformator
Pate stehen könnte: Er hat uns das Engagement des gelebten
Glaubens und der gleichzeitigen Bejahung der Welt vorgemacht. Das
fasziniert viele Leute, die der Kirche heute fernstehen, an diesem
großen Komponisten. Darauf sollten wir uns konzentrieren und
nicht zu sehr auf die Frage: Bach authentisch oder nicht authentisch.
Das Authentische an Bach ist eigentlich seine geistliche Dimension.
Herzlichen Dank, Herr Professor Biller.
(Mit
Thomaskantor Professor Biller sprach Stefan Klöckner am 26.1.2000
in Leipzig)
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