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Ausgabe 2000/02
März/April

„Das Authentische an Bach ist seine geistliche Dimension ...“

Interview mit Thomaskantor Georg Christoph Biller

Herr Professor Biller, wie beginnt der Weg eines Thomaners?

Am Anfang steht natürlich das Interesse für den Thomanerchor. Eine Eignungsprüfung klärt die stimmlichen und musikalischen Voraussetzungen, und auch von der schulischen Seite her gibt es Bedingungen: Die Thomaner müssen ja in kürzerer Zeit als andere ihre Pensum erledigen können. In jüngster Zeit beginnen wir in der Schule mit der 1. Klasse (die 1. bis 3. Klasse natürlich nur für die in Leipzig wohnenden Kinder). Das ist notwendig, denn was früher – zum Beispiel in meiner eigenen Thomaner-Zeit – von Hause aus durch Hausmusik, frühzeitigen Instrumentalunterricht und Kurrendearbeit an musikalischer Vorbereitung geleistet wurde, das fällt heute nahezu völlig aus.

Die Arbeit fängt im Kindergarten an

In welchem Alter beginnt es dann?

Thomaskantor Prof. Georg Christoph Biller,
Foto: Gert Mothes, Leipzig

Mit 7 Jahren, wenn man in die 1. Klasse kommt. Wobei wir allerdings auch schon in die Kindergärten hier in Leipzig gehen, um für die Aufnahme in die 1. Klasse der Thomas-Schule talentierten Nachwuchs zu werben. Dann wird ausgewählt, und hierbei spielt dann auch die Konzentrationsfähigkeit eine wichtige Rolle. Mit der 4. Klasse – also mit 9 oder 10 Jahren – wird man nach einer Aufnahmeprüfung in den Chor aufgenommen. Die Jungen müssen dann schon etwas Mittelschweres vom Blatt singen können, sonst kämen sie in der normalen Chorarbeit ja gar nicht mit. Daneben müssen sie ein Instrument spielen, und das Schulzeugnis muss zeigen, dass sie neben den Belastungen der Arbeit im Chor auch die Schule gut bewältigen können.

Sind die Jahrgänge qualitativ unterschiedlich oder vergleichbar?

Nun, das ist teilweise schon sehr unterschiedlich. Wir müssen auf jeden Fall gut auswählen, und manche Eltern wundern sich dann, dass ihr für ihre Maßstäbe gut ausgebildeter Knabe dann nicht genommen wird. Aber wenn ein Jahrgang nun nicht so gut ist, dann muss man (um mit einem Zitat zu reden) „auch die Mittleren“ nehmen.

Besorgt um die Qualität des Nachwuchses

Sie können aber doch auswählen aus einem reichen Schatz an Interessenten?

Na, so reich ist der Schatz nicht. Zwar meinen wir momentan einen leichten Aufwärtstrend ausmachen zu können, aber ich blicke doch etwas besorgt in die Zukunft – vor allem, was die Qualität des Nachwuchses betrifft. Vielleicht sind musikalische Begabungen so reichhaltig wie früher, aber die musischen Anregungen durch das Elternhaus (vor allem mit Blick auf das aktive Musizieren) haben doch drastisch nachgelassen. Auch in unserer Gesellschaft mit ihrem unmusischen Event-Charakter werden musikalische Begabungen nicht genügend erkannt und ausgeprägt.

Das liegt ja sicherlich an der Bevorzugung des „passiven Rezipierens“ vor dem „Selber-Machen“ ...

Unbedingt. Die Konsumenten-Haltung wird ja von frühen Kindesbeinen an gefördert. Der Fernseher zum Beispiel verurteilt den Zuschauer dazu, nur Konsument sein zu dürfen. Dazu ist die Fülle der einstürmenden Reize so, dass das Gesehene und Gehörte nur noch zu einem geringen Grad richtig aufgenommen werden kann. Und dann schaue man sich mal von diesem „Bildungsträger“ Fernsehen die Programme an: Es gibt da nur ganz wenig Kanäle, die ich als „gut“ und „wertvoll“ bezeichnen kann, weil sie noch einen Bildungsauftrag erfüllen – was ja eigentlich grundsätzlich der Fall sein sollte. Weil aber die Masse „Bildung“ als beschwerlich empfindet, wird „Unterhaltung“ vorgezogen – womit sich dieses geschmacksprägende Medium unter Wert verkauft. Natürlich muss Unterhaltung sein (das habe ich nach langen Arbeitstagen auch mal gerne) – aber nicht so ausschließlich und so flächendeckend niveaulos!

Wie bewerten Sie denn im Zusammenhang „Medien“ die ständig steigende Zahl an qualitätiv hochstehenden Einspielungen zum Beispiel Bach’scher Werke auf CD? Ist es nicht manchmal furchtbar frustrierend für Sie mit Ihrem der Bach-Tradition verpflichteten Chor, gegen diese Dokumentationen höchster Profi-Kultur anzukommen?

Das ist schwer! Wenn ich die Wirkungsweise des Thomanerchores in den 30er- und 40er-Jahren mit uns heute vergleiche, dann haben wir es wesentlich schwerer. In allen Krisenzeiten (Nazi-Zeit, DDR) konnten die Thomaner (wiewohl mit städtischer Schule und städtischem Internat) stets ihren Auftrag erfüllen, zur höheren Ehre Gottes zu musizieren, und sie hatten dafür auch ihr Publikum. Nun hat sich aber die Konkurrenzsituation total verändert. In den 30er-Jahren fand die Bachpflege bis auf einige andere Zentren hier in Leipzig statt, und die Thomaner als „Bachs Chor“ waren da schon eine „Nummer 1“. Heute gibt es im professionellen und semiprofessionellen Bereich Kammerchöre mit Erwachsenen, die sich auf Bach spezialisiert haben – allein dadurch haben sie einen großen Vorteil, weil Kinder heutzutage schwerer zu dem zu bringen sind, was man heute an Bach-Interpretation erwartet und auch erwarten darf.

... nur wer sich ändert, bleibt sich treu ...

Zurück zu den Thomanern: Bleiben die Jungen denn nach der Schulzeit dem Thomanerchor treu?

Im Moment ist es so, dass wir die Thomaner verabschieden mit dem Abitur. Das bringt für die Männerstimmen immer wieder große Probleme: Denn Bach verlangt eine ausgewachsene Männerstimme für viele Partien, und Reifung braucht ihre Zeit, vor allem, wenn der Stimmbruch dazwischen liegt. Andererseits macht natürlich die durchgängig gleichbleibende Art des Singens bis hin zur jungen Männerstimme den besonderen Reiz der Thomaner aus. Wir sind aber in Überlegungen hinsichtlich einer Strukturänderung. Solche Veränderungen sind dringend notwendig – denn die Erhaltung der Substanz ist die wichtigste Aufgabe bei der Wahrung der Tradition. Wolf Biermann hat einmal gesagt: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!“ Über die Konsequenzen, die das haben müsste, kann man lange nachdenken.

Sie selber sind durch die Schule der Thomaner gegangen. Was hat denn der Chor noch für „Berühmtheiten“ hervorgebracht?

 


Georg Christoph Biller
Georg Christoph Biller, geb. 1952 in Nebar/Unstrut, 1965 bis 1974 Thomaner. 1976 bis 1981 Studium „Orchesterdirigieren“ an der Leipziger Hochschule für Musik, unter anderem bei Kurt Masur. Solistische Tätigkeit als Lied- und Oratoriensänger. 1980 bis 1991 Dirigent des Leipziger Gewandhauschores. 1991/92 Dozent für Chorleitung an den Musikhochschulen Frankfurt/Main und Detmold. Seit 1992 – als 16. Nachfolger Johann Sebastian Bachs – Thomaskantor. Seit 1994 Professor für Chorleitung an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig.

Nun, bei allem Stolz wollen wir da keinen Lokalpatriotismus kultivieren. Aber es gab eine ganze Reihe von berühmten Thomanern, die wir nie großartig aufzählen, aber die man doch nennen kann: Die Kantoren Ramin und Mauersberger waren Thomaner, ebenso die Dirigenten Bernhard Klee und Hanns Martin Schneidt; mein Vorgänger Rotzsch war Gastsänger bei den Thomanern; genannt werden jetzt natürlich immer die „Prinzen“ als ein besonders farbiger Tupfer. Sie haben ja in der Pop-Szene eine steile Karriere gemacht – was uns in keiner Weise stört, wir sind sogar schon mit ihnen zusammen aufgetreten. Aber auch eine ganze Reihe guter und bekannter Sänger ist aus den Reihen der Thomaner hervorgegangen.

Acht Jahrhunderte Musikgeschichte

Natürlich bringt man die Thomaner in erster Linie in Verbindung mit Johann Sebastian Bach. Singen Sie auch andere Literatur?

Im Jahr 2000 wird es natürlich vorrangig Bach sein. Aber selbst in diesem Jahr werden noch andere Komponisten auf dem Programm erscheinen. Sonst achte ich sehr darauf, dass – bei aller Dominanz Bach’scher Werke – die acht Jahrhunderte, die der Chor besteht, auch als klingende Musikgeschichte repräsentiert werden. So beginnt unser Repertoire mit der Gregorianik und hört mit der Gegenwart auf. Es gibt zahlreiche Uraufführungen mit dem Thomanerchor – eine Tradition unseres Chores, wenn man bedenkt, dass es nicht nur zur Zeit Bachs wöchentlich Uraufführungen gab.

Sind die Thomaner hinsichtlich ihrer musikalischen Arbeit eher ein Konzert- oder ein liturgischer Chor?

Nun, man kann überall in allen Prospekten lesen, was auch der Realität entspricht: Die Thomaner verstehen sich zuerst als ein Chor für den Gottesdienst, für die Verkündigung! Jeden Freitag gestalten wir die Motette in Form der liturgischen Vesper und jeden Sonnabend Motette und Kantate, eine andere Form – sie wirkt etwas „konzertanter“, ist aber auch ein Gottesdienst, denn dort gibt es liturgische Elemente wie Gebet, Ansprache, Lied und Segen durch den Pfarrer der Thomaskirche. Dazu kommt dann noch der Sonntagsgottesdienst, wo mindestens die Hälfte des Thomanerchores singt. Konzerte in Leipzig sind deshalb die Ausnahme, weil neben Weihnachtsoratorium und Passion (und vielleicht einem Sonderkonzert) die Leipziger da nicht kommen – sie können uns ja jede Woche im Gottesdienst kostenlos erleben! Also möchte ich schätzen, dass in Leipzig 4/5 unseres Dienstes liturgisch sind. Natürlich finden die konzertanten Aktivitäten eher bei unseren Reisen und Tourneen statt. Allerdings sind auch da die Programme betont liturgisch aufgebaut. Das führt dann mal zu etwas kuriosen Situationen: Vor kurzem hatten wir eine Rundreise durch Norddeutschland bis hin nach Berlin, und da schrieb ein Kritiker, dass das „Sammelsurium kleinerer Stücke“ nicht überzeugen konnte – dem Kritiker war entgangen, dass wir eine Messe gesungen hatten, in der alle Teile durch verschiedene Kompositionen auch unterschiedlicher Epochen repräsentiert waren. Ein Problem unserer Zeit: Das Normale, Grundsätzliche unserer Kirche ist nicht mehr bewusst ...

Brückenschlag in die Welt

Nun haben Sie ja mit der Mitwirkung bei den „Bach-Kreationen“ einen Schritt getan aus der Kirche heraus in das Opernhaus hinein. Wie geht es denn dem Kirchenmusiker Biller, wenn er mit geistlichen Werken Bachs in ein Opernhaus geht und sieht, dass daraus ein Ballett wird?

Mir geht es damit gut! Das Projekt hat natürlich auch mit der Stellung des Thomanerchores als städtischer Einrichtung zu tun. Mit der Reformation wurde ja unsere Schule, die damals kirchlich war und für die man eigentlich keine Verwendung mehr hatte, nicht geschlossen, sondern die oft gescholtenen Leipziger Stadtväter (die damals aber einen weiten Horizont besaßen) übernahmen diese Institution. Seitdem stehen die Thomaner in städtischer Finanzierung – was heutzutage (wo wieder alles zur Disposition gestellt wird) gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Die Thomaner hätten nach der Wende ihrer eigentlichen Bestimmung nach wieder in kirchliche Trägerschaft kommen können. Ich war stets dagegen, weil die städtische Finanzierung zwar auch dem Sparzwang unterliegt, aber bei weitem nicht so wie die Landeskirche. Und außerdem halte ich es für die Chance des Brückenschlags von der Kirche in die Welt. Auch die Welt kann sich durch den Thomanerchor der Kirche annähern. Wir haben durch unsere Aufführungen sicherlich eine ganze Menge von Ballett-Interessierten, die noch nie einen Fuß in die Kirche gesetzt haben, überzeugt, auch mal in die Thomaskirche zu kommen.

Also auch dort – im Opernhaus – Verkündigungsarbeit?

Natürlich, das ist Verkündigung. Wobei das Umsetzen einer Bach’schen Partitur ins Optische auch Probleme mit sich bringt und Kritik nach sich zog.

Worin bestand diese Kritik?

Der Leiter des hiesigen Bach-Archivs, Prof. Dr. Schulze, äußerte in seinem Eröffnungsreferat des Symposiums zum „Bachbild des 20. Jahrhunderts“, dass offensichtlich die Gefahr bestünde, die Substanz der Musik zu schmälern, weil in unserer Zeit alles visualisiert werden müsse. Das optische Moment ziehe alle Aufmerksamkeit an sich – und das Hören würde vernachlässigt ... Dazu meine ich, dass natürlich die Bach’sche Musik das Optische nicht braucht; andererseits ist sie so zutiefst vom Tanz als elementarer menschlicher Äußerungsform geprägt, dass sich eine bestechende Korrespondenz ergibt. Hier reizt mich die Verbindung von Gesang und Bewegung – wie sie zum Beispiel in den Psalmen selbstverständlich ist. Zudem sehe ich in der Choreografie von Uwe Scholz nicht zuerst das Illustrative, sondern ein primär meditatives Element. Der Höhepunkt dieses Abends ist für mich der Choralchor „Sei nun wieder zufrieden“, wo die nicht mehr beschreibbare kompositorische Dichte ihre Entsprechung auf der Bühne findet.

Es gibt das Diktum eines Musikwissenschaftlers, der angesichts des Lebenslaufes Bachs gesagt hat: „Bach hätte auch ein herausragender Opernkomponist werden können!“. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja unbedingt! Sein dramatisches Talent war neben den vielen anderen Begabungen ausgesprochen ausgeprägt – nehmen Sie nur die beiden großen Passionen! Das hätte als szenische Musik eine solche Dramatik auf die Bühne gebracht, von der Händel nur hätte träumen können.

Geld ist heute wichtiger als musische Ausbildung

Was ist mit der Wiedervereinigung Deutschlands für die Thomaner leichter, was schwerer geworden?

Leichter geworden ist es für das Selbstverständnis. Früher gab es starke Bestrebungen, die Thomaner aus ihrem kirchlichen Kontext herauszulösen, um sie zu staatlichen Kulturträgern zu machen. Dass es ein kirchlicher Chor mit kirchlicher Tradition war (Bachs Chor!), hat ihn davor bewahrt. Übrigens hatten die Nazis das auch schon vor ... Aber ideologisch ist es nach der Wende nicht einfacher geworden: Die Kirchenfeindlichkeit „Ost“ hat sich auf interessante Weise mit der Kirchenfeindlichkeit „West“ verbündet. Ich hatte nie die Illusion, als in der Wendezeit die Kirchen voll waren, dass damit für die Kirchen nun eine bessere Zeit anbrechen würde. Und das hatte sich ja auch sofort erledigt, als die Mauer offen war – da waren die Kirchen wieder leer. Wir haben es mit einem ganz tief verwurzelten Atheismus in der ehemaligen DDR zu tun, der Früchte getragen hat. Das Unmusische der DDR-Gesellschaft hat durch die Wiedervereinigung einen kräftigen Schub bekommen – Reisen, Flexibilität, Geld ist wichtiger geworden als eine fundierte musische Ausbildung.

Was wünscht sich der Thomaskantor Biller für das Bach-Jahr 2000?

Ich wünsche mir, dass wir von der Ideologisierung der Bach-Interpretation (und auch der Sicht von Bach) wegkommen. Bach ist – auch in geistiger Hinsicht – ein Phänomen; sein tiefes Verständnis der Bibeltexte, seine Frömmigkeit einerseits – seine Diesseitsbejahung, sein „Fest-in-der-Welt-Stehen“ andererseits könnte für uns Beispiel sein, das Schubladen-Denken „hier Welt – dort Kirche“ zu überwinden. Und dann glaube ich, dass beim dringend notwendigen Reformationsprozess der Kirchen im 21. Jahrhundert, der vor allem aus der Notwendigkeit des Zusammenwachsens der beiden Großkirchen resultiert, Bach als eigentlicher Reformator Pate stehen könnte: Er hat uns das Engagement des gelebten Glaubens und der gleichzeitigen Bejahung der Welt vorgemacht. Das fasziniert viele Leute, die der Kirche heute fernstehen, an diesem großen Komponisten. Darauf sollten wir uns konzentrieren und nicht zu sehr auf die Frage: Bach authentisch oder nicht authentisch. Das Authentische an Bach ist eigentlich seine geistliche Dimension.

Herzlichen Dank, Herr Professor Biller.

(Mit Thomaskantor Professor Biller sprach Stefan Klöckner am 26.1.2000 in Leipzig)

 

 
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