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Ausgabe 2000/01
Januar/Februar

Frühschicht ohne Organisten?

Über die Notwendigkeiten und die Möglichkeiten gottesdienstlicher Vielfalt

Immer weniger Gläubige feiern mit immer weniger Priestern immer mehr Messen – zu diesem merkwürdigen Befund kann man immer noch gelangen, wenn man die Gottesdienstankündigungen in deutschen Kirchenzeitungen studiert.
Es scheint ein wenig schizophren: Die traditionelle Vielfalt katholischer Gottesdienste mit hl. Messen, Andachten, Anbetungsstunden, Vesper und Komplet, Prozessionen schrumpfte genau zu dem Zeitpunkt zur liturgischen Monokultur ein, als das II. Vatikanum die Würde der Laien als Subjekte und Träger jeder liturgischen Feier betonte und z.B. aus dem Kleriker-Standesgebet „Brevier“ wieder das Stundengebet des ganzen Volkes Gottes werden durfte. Genau da also, als von Laien getragene Liturgieformen aufgewertet wurden, riefen die Laien fast nur noch nach der einen Form, die nur mit dem Priester möglich ist ...

Die Ursachen dafür sind vielfältig: So bestanden die nichteucharistischen Gottesdiens-
te zumindest an den Sonntagen alle neben der hl. Messe, man ging also sonntags zur Messe und zur Andacht oder Vesper. Auch unter den treuen Kirchgängern findet sich dagegen heute kaum jemand zu zwei Kirchgängen bereit, und zu Recht hat dann die Eucharistiefeier am Sonntag die erste Präferenz. Ein Weiteres: Seit dem hl. Papst Pius X. sind die Katholiken in diesem Jahrhundert immer wieder zur rechtzeitigen und häufigen Kommunion und zur Eucharistiefrömmigkeit angehalten worden. Dieses Bemühen trägt Früchte: Gegenüber der Praxis vergangener Jahrhunderte ist es für Katholiken heute fast selbstverständlich, die Eucharistie ganz mitzufeiern – sich also nicht mehr wie viele Jahrhunderte vom Höhepunkt, nämlich der Kommunion, auszuschließen. Aber das Pendel scheint nun auf die andere Seite auszuschlagen: Fast unüberlegt geht grundsätzlich jede und jeder Gottesdiensteilnehmer/-in zur Kommunion – ja, ein Gottesdienst ohne Kommunion ist gar kein richtiger! Das geht hin bis zu Kirchenchören, die sich erst dann richtig gewürdigt sehen, wenn sie in einer Eucharistiefeier singen – die Bitte um Gestaltung einer Vesper oder einer Betstunde wird dagegen als minderwertig, manchmal sogar als Zumutung empfunden. Mit dieser Mentalität aber ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten, die wiederentdeckte Würde des Wortes Gottes in Laudes oder Vesper, in Wort-Gottes-Feiern und Andachten zu verwirklichen und so die Realpräsenz Jesu Christi im verkündigten Wort zu feiern.

Neue Entwicklungen

Doch es gibt auch einen anderen Strang liturgischer Entwicklung:
Während sich Erwachsene in den katholischen Kernlanden bis heute keinen Hochzeitstag, kein Schützenfest, ja keinen runden Geburtstag ohne Messe vorstellen können, gingen Jugendliche mit ihren Seelsorgern seit den achtziger Jahren neue Wege: In den Früh- und Spätschichten entdeckten sie das neu, was z.B. in der Komplet der liturgischen (Jugend-) Bewegung in unserem Jahrhundert schon einmal zur riesigen Verbreitung nichteucharistischer Gottesdienste beigetragen hat. Daraus entwickeln bis heute engagierte Gruppen von Jugendlichen, Frauen, Familien, Senioren althergebrachte nichteucharistische Feierformen wie Wallfahrt, Prozession oder Vigil neu und weiter zu Nachtwallfahrten, Hungermärschen, liturgischen Nächten und Wort-Gottes-Feiern.
Diese Neuentdeckungen wurzeln sicher nicht primär in dem Versuch, eine Theologie des Wortes Gottes in liturgische Feier umzusetzen. Hier taten vielmehr der Priester- und Gläubigenmangel und das Zusammenrücken in Gruppen das ihre, aber auch eine Neubesinnung auf die Liturgie als Feier des Glaubens und ein wiedererwachtes Bewusstsein für Feierformen. Nach Jahren mit sehr text- und moralorientierten Gottesdiensten dämmerte vielen die Erkenntnis: Gottesdienst lebt nicht vom Wort allein, nicht einmal primär. Besonders Jugendliche spürten immer deutlicher, dass Gottesdienst etwas fundamental anderes sein müsse als eine Schulstunde, eine Podiumsdiskussion, eine Vereinsversammlung, aber auch als eine Party oder ein Happening. Zusammen mit Erfahrungen wie z.B. in Taizé führte das zur Entwicklung alternativer Gottesdienstformen mit dem Ziel, einen Erfahrungs- ja Erlebnisraum von Stille, Handlung, Musik und Sprache zu schaffen, in dem die Menschen sich Gott öffnen und Gott die Chance bekommt, die Menschen anzusprechen.

Es lohnt sich, einmal die Grundform z.B. einer Frühschicht herauszudestillieren:
Es versammeln sich Menschen zumeist im Kreis um eine gestaltete Mitte in einem gut vorbereiteten und für die Gruppengröße angemessenen Raum; sie lassen sich zunächst in die Stille der Augen und Ohren führen – durch Schweigen, durch leise Musik, durch ein einziges Bild oder Symbol. Sie begrüßen sich und den lebendigen Herrn in ihrer Mitte, sie hören auf Sein Wort. Sie lassen dieses Wort in sich einsinken, dann versuchen sie aus ihrem Leben eine ehrliche Antwort auf diesen Anruf Gottes zu formulieren – in Worten, in Bewegung, im Planen einer Aktion, in einer künstlerischen Gestaltung. Sie fassen ihr Hören und Nachsinnen in ein ausdrückliches Gebet an Gott zusammen. Diese Elemente verbinden sie mit einfachen Gesängen mit oft wenigen Worten, die sich in einer eingängigen Melodie häufig wiederholen lassen, in die Fremde leicht einstimmen können. Diese Gottesdienste folgen damit überraschend genau dem fundamentalen „liturgischen Grundschema“ jedes jüdischen und christlichen Gottesdienstes: Gott loben – Gott (in seinem Wort) hören – Gott antworten – gemeinsam zu Gott beten.

Musikalische Defizite

Diese Gottesdienstform gibt es nun schon wieder viele Jahre, sie bewährt und differenziert sich, aber ein Phänomen verbindet viele dieser Feiern: Ihre musikalische Seite scheint ein wenig unterentwickelt. Sei es, dass die Vorbereitungsgruppen „ihren“ Gottesdienst gar nicht als Gemeinde-Liturgie verstehen, dass sie aus Ferienlagern oder Gruppenleiterwochenenden nichts anderes kennen, sei es, dass die Kirchenmusiker es nicht zu ihren Aufgaben rechnen – in vielen Gemeinden beschränkt sich die musikalische Gestaltung der Frühschichten auf den Kassettenrekorder oder die Gitarre eines Gruppenmitgliedes, die Kirchenmusiker der Gemeinden sind dagegen weitgehend „draußen“.

Nun kann man sicher auch mit einer Gitarre einen schönen Gottesdienst erleben, und zumal in kleinen Gemeinden ist es verständlich, wenn der Pfarrer nicht auch noch für einen 15-minütigen Gottesdienst um 6.00 Uhr morgens einen nebenamtlichen Organisten suchen (und bezahlen) möchte. Bei hauptamtlichen Kirchenmusikern aber ist es doch eine Frage wert: Lassen sie sich hier nicht eine Chance entgehen, sich mit ihrem Charisma und Anliegen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ins Bewusstsein zu bringen? Vielleicht nach dem Motto: „Ich lege Wert auf Qualität, aber das heißt nicht, dass ich nur klassische Polyphonie oder Choralsätze mag. Ich finde es richtig, dass Ihr nach neuen Formen sucht, Euren Glauben und Euer Leben mit Gott zu feiern. Ich möchte mich gern mit meinen musikalischen Mitteln an dieser Suche beteiligen.“

...und Lösungsvorschläge

Was aber „geht“ um 6.00 Uhr morgens mit einer kleinen Gruppe musikalischer Laien, die es eher gewohnt sind, Musik zu hören als selber zu singen? Wie immer in der Liturgie setzt sich auch die richtige Gestaltung einer Frühschicht aus zwei Hälften zusammen: Auf der einen Seite das objektiv Richtige: die Wahrheit des Evangeliums, die Gebetsordnung der Kirche, die musikalische Qualität..., auf der anderen Seite aber genauso wichtig das Ernstnehmen der hier und jetzt versammelten Feiergemeinde, die Gott begegnen will in Formen ihrer Lebenswirklichkeit. Vor diesem Gestaltungsgrundsatz lassen sich ein paar Gedankensplitter zum Weiterdenken notieren:

  • Kritik an der fehlenden Qualität mancher Kinder- und Jugendgesänge wird nur dann fruchtbar werden, wenn die Kirchenmusiker etwas qualitativ Besseres und genauso für diese Situation Passendes vorschlagen können.
  • ur Mitarbeit gehört unbedingt der Schritt, dass die Kirchenmusiker sich in die Vorbereitungsgruppe einbringen - gerade bei Jugendlichen geht nichts ohne den persönlichen Kontakt und diese Zeitinvestition.
  • · Vielleicht entsteht in diesem Gespräch schon eine Idee, wie bei dem gewählten Thema Musik einmal mehr sein kann als Füllsel in den meditativen Pausen, vielleicht kann sie selbst ein inhaltlicher Akzent sein, gleichberechtigt neben Wort und Zeichenhandlung.
  • Vielleicht findet sich ein Gesang, ein Kehrvers, eine Strophe, die sich wie ein Leitmotiv durch den ganzen Gottesdienst zieht und mehrmals wiederholt wird, wodurch das Ganze eine große Ruhe bekommt – und am Ende ohne lästiges Proben alle mitsingen können.
  • Vielleicht lässt sich eine anschauliche Bibelstelle, statt sie zu besprechen, einmal mit Instrumenten nachgestalten, bei entsprechenden Begabungen eine Liedstrophe selber schreiben...?
  • Eine Frühschicht mit 10 oder 20 Menschen in einer Seitenkapelle kann in der Regel nicht mit der großen Kirchenorgel gestaltet werden – wohl aber mit einem Klavier, einer Gitarre, einem anderen Instrument (vielleicht sogar einem elektronischen ...), einem Soloinstrument? Ich erlebte einen Saxophonspieler, Sonderschüler der 8. Klasse, der weit weg vom normalen Gemeindeleben stand und sich wohl weder vor seiner Klasse noch vorne in der großen Kirche zu spielen getraut hätte – im geschützten Kreis der Frühschicht legte er ein eindrucksvolles Solo hin, dass uns begeisterte und wohl auch ihm selbst gut getan hat.
  • Und vielleicht darf es auch wirklich einmal der CD-Player oder der Kassetten-Rekorder sein und zeigen, dass Musik, die in die Stille führt, nicht unbedingt aus der Abteilung „Meditation/Esoterik“ kommen muss, sondern dass auch Instrumentalwerke der Klassik, des Jazz oder anderer U-Musik Impulse und Raum zur Meditation eröffnen können.

Wäre es nicht eine große Bereicherung des Gemeindelebens, wenn in der kommenden Fastenzeit eine der Frühschichten einen kirchenmusikalischen Akzent hätte?

Stefan Rau

 
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