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Frühschicht ohne Organisten?
Über die Notwendigkeiten und die Möglichkeiten gottesdienstlicher
Vielfalt
Immer weniger Gläubige feiern mit immer weniger Priestern
immer mehr Messen zu diesem merkwürdigen Befund kann
man immer noch gelangen, wenn man die Gottesdienstankündigungen
in deutschen Kirchenzeitungen studiert.
Es scheint ein wenig schizophren: Die traditionelle Vielfalt katholischer
Gottesdienste mit hl. Messen, Andachten, Anbetungsstunden, Vesper
und Komplet, Prozessionen schrumpfte genau zu dem Zeitpunkt zur
liturgischen Monokultur ein, als das II. Vatikanum die Würde
der Laien als Subjekte und Träger jeder liturgischen Feier
betonte und z.B. aus dem Kleriker-Standesgebet Brevier
wieder das Stundengebet des ganzen Volkes Gottes werden durfte.
Genau da also, als von Laien getragene Liturgieformen aufgewertet
wurden, riefen die Laien fast nur noch nach der einen Form, die
nur mit dem Priester möglich ist ...
Die Ursachen dafür sind vielfältig: So bestanden die
nichteucharistischen Gottesdiens-
te zumindest an den Sonntagen alle neben der hl. Messe, man ging
also sonntags zur Messe und zur Andacht oder Vesper. Auch unter
den treuen Kirchgängern findet sich dagegen heute kaum jemand
zu zwei Kirchgängen bereit, und zu Recht hat dann die Eucharistiefeier
am Sonntag die erste Präferenz. Ein Weiteres: Seit dem hl.
Papst Pius X. sind die Katholiken in diesem Jahrhundert immer wieder
zur rechtzeitigen und häufigen Kommunion und zur Eucharistiefrömmigkeit
angehalten worden. Dieses Bemühen trägt Früchte:
Gegenüber der Praxis vergangener Jahrhunderte ist es für
Katholiken heute fast selbstverständlich, die Eucharistie ganz
mitzufeiern sich also nicht mehr wie viele Jahrhunderte vom
Höhepunkt, nämlich der Kommunion, auszuschließen.
Aber das Pendel scheint nun auf die andere Seite auszuschlagen:
Fast unüberlegt geht grundsätzlich jede und jeder Gottesdiensteilnehmer/-in
zur Kommunion ja, ein Gottesdienst ohne Kommunion ist gar
kein richtiger! Das geht hin bis zu Kirchenchören, die sich
erst dann richtig gewürdigt sehen, wenn sie in einer Eucharistiefeier
singen die Bitte um Gestaltung einer Vesper oder einer Betstunde
wird dagegen als minderwertig, manchmal sogar als Zumutung empfunden.
Mit dieser Mentalität aber ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten,
die wiederentdeckte Würde des Wortes Gottes in Laudes oder
Vesper, in Wort-Gottes-Feiern und Andachten zu verwirklichen und
so die Realpräsenz Jesu Christi im verkündigten Wort zu
feiern.
Neue Entwicklungen
Doch es gibt auch einen anderen Strang liturgischer Entwicklung:
Während sich Erwachsene in den katholischen Kernlanden bis
heute keinen Hochzeitstag, kein Schützenfest, ja keinen runden
Geburtstag ohne Messe vorstellen können, gingen Jugendliche
mit ihren Seelsorgern seit den achtziger Jahren neue Wege: In den
Früh- und Spätschichten entdeckten sie das neu, was z.B.
in der Komplet der liturgischen (Jugend-) Bewegung in unserem Jahrhundert
schon einmal zur riesigen Verbreitung nichteucharistischer Gottesdienste
beigetragen hat. Daraus entwickeln bis heute engagierte Gruppen
von Jugendlichen, Frauen, Familien, Senioren althergebrachte nichteucharistische
Feierformen wie Wallfahrt, Prozession oder Vigil neu und weiter
zu Nachtwallfahrten, Hungermärschen, liturgischen Nächten
und Wort-Gottes-Feiern.
Diese Neuentdeckungen wurzeln sicher nicht primär in dem Versuch,
eine Theologie des Wortes Gottes in liturgische Feier umzusetzen.
Hier taten vielmehr der Priester- und Gläubigenmangel und das
Zusammenrücken in Gruppen das ihre, aber auch eine Neubesinnung
auf die Liturgie als Feier des Glaubens und ein wiedererwachtes
Bewusstsein für Feierformen. Nach Jahren mit sehr text- und
moralorientierten Gottesdiensten dämmerte vielen die Erkenntnis:
Gottesdienst lebt nicht vom Wort allein, nicht einmal primär.
Besonders Jugendliche spürten immer deutlicher, dass Gottesdienst
etwas fundamental anderes sein müsse als eine Schulstunde,
eine Podiumsdiskussion, eine Vereinsversammlung, aber auch als eine
Party oder ein Happening. Zusammen mit Erfahrungen wie z.B. in Taizé
führte das zur Entwicklung alternativer Gottesdienstformen
mit dem Ziel, einen Erfahrungs- ja Erlebnisraum von Stille, Handlung,
Musik und Sprache zu schaffen, in dem die Menschen sich Gott öffnen
und Gott die Chance bekommt, die Menschen anzusprechen.
Es lohnt sich, einmal die Grundform z.B. einer Frühschicht
herauszudestillieren:
Es versammeln sich Menschen zumeist im Kreis um eine gestaltete
Mitte in einem gut vorbereiteten und für die Gruppengröße
angemessenen Raum; sie lassen sich zunächst in die Stille der
Augen und Ohren führen durch Schweigen, durch leise
Musik, durch ein einziges Bild oder Symbol. Sie begrüßen
sich und den lebendigen Herrn in ihrer Mitte, sie hören auf
Sein Wort. Sie lassen dieses Wort in sich einsinken, dann versuchen
sie aus ihrem Leben eine ehrliche Antwort auf diesen Anruf Gottes
zu formulieren in Worten, in Bewegung, im Planen einer Aktion,
in einer künstlerischen Gestaltung. Sie fassen ihr Hören
und Nachsinnen in ein ausdrückliches Gebet an Gott zusammen.
Diese Elemente verbinden sie mit einfachen Gesängen mit oft
wenigen Worten, die sich in einer eingängigen Melodie häufig
wiederholen lassen, in die Fremde leicht einstimmen können.
Diese Gottesdienste folgen damit überraschend genau dem fundamentalen
liturgischen Grundschema jedes jüdischen und christlichen
Gottesdienstes: Gott loben Gott (in seinem Wort) hören
Gott antworten gemeinsam zu Gott beten.
Musikalische Defizite
Diese Gottesdienstform gibt es nun schon wieder viele Jahre, sie
bewährt und differenziert sich, aber ein Phänomen verbindet
viele dieser Feiern: Ihre musikalische Seite scheint ein wenig unterentwickelt.
Sei es, dass die Vorbereitungsgruppen ihren Gottesdienst
gar nicht als Gemeinde-Liturgie verstehen, dass sie aus Ferienlagern
oder Gruppenleiterwochenenden nichts anderes kennen, sei es, dass
die Kirchenmusiker es nicht zu ihren Aufgaben rechnen in
vielen Gemeinden beschränkt sich die musikalische Gestaltung
der Frühschichten auf den Kassettenrekorder oder die Gitarre
eines Gruppenmitgliedes, die Kirchenmusiker der Gemeinden sind dagegen
weitgehend draußen.
Nun kann man sicher auch mit einer Gitarre einen schönen
Gottesdienst erleben, und zumal in kleinen Gemeinden ist es verständlich,
wenn der Pfarrer nicht auch noch für einen 15-minütigen
Gottesdienst um 6.00 Uhr morgens einen nebenamtlichen Organisten
suchen (und bezahlen) möchte. Bei hauptamtlichen Kirchenmusikern
aber ist es doch eine Frage wert: Lassen sie sich hier nicht eine
Chance entgehen, sich mit ihrem Charisma und Anliegen Jugendlichen
und jungen Erwachsenen ins Bewusstsein zu bringen? Vielleicht nach
dem Motto: Ich lege Wert auf Qualität, aber das heißt
nicht, dass ich nur klassische Polyphonie oder Choralsätze
mag. Ich finde es richtig, dass Ihr nach neuen Formen sucht, Euren
Glauben und Euer Leben mit Gott zu feiern. Ich möchte mich
gern mit meinen musikalischen Mitteln an dieser Suche beteiligen.
...und Lösungsvorschläge
Was aber geht um 6.00 Uhr morgens mit einer kleinen
Gruppe musikalischer Laien, die es eher gewohnt sind, Musik zu hören
als selber zu singen? Wie immer in der Liturgie setzt sich auch
die richtige Gestaltung einer Frühschicht aus zwei Hälften
zusammen: Auf der einen Seite das objektiv Richtige: die Wahrheit
des Evangeliums, die Gebetsordnung der Kirche, die musikalische
Qualität..., auf der anderen Seite aber genauso wichtig das
Ernstnehmen der hier und jetzt versammelten Feiergemeinde, die Gott
begegnen will in Formen ihrer Lebenswirklichkeit. Vor diesem Gestaltungsgrundsatz
lassen sich ein paar Gedankensplitter zum Weiterdenken notieren:
- Kritik an der fehlenden Qualität mancher Kinder- und Jugendgesänge
wird nur dann fruchtbar werden, wenn die Kirchenmusiker etwas
qualitativ Besseres und genauso für diese Situation Passendes
vorschlagen können.
- ur Mitarbeit gehört unbedingt der Schritt, dass die Kirchenmusiker
sich in die Vorbereitungsgruppe einbringen - gerade bei Jugendlichen
geht nichts ohne den persönlichen Kontakt und diese Zeitinvestition.
- · Vielleicht entsteht in diesem Gespräch schon
eine Idee, wie bei dem gewählten Thema Musik einmal mehr
sein kann als Füllsel in den meditativen Pausen, vielleicht
kann sie selbst ein inhaltlicher Akzent sein, gleichberechtigt
neben Wort und Zeichenhandlung.
- Vielleicht findet sich ein Gesang, ein Kehrvers, eine Strophe,
die sich wie ein Leitmotiv durch den ganzen Gottesdienst zieht
und mehrmals wiederholt wird, wodurch das Ganze eine große
Ruhe bekommt und am Ende ohne lästiges Proben alle
mitsingen können.
- Vielleicht lässt sich eine anschauliche Bibelstelle, statt
sie zu besprechen, einmal mit Instrumenten nachgestalten, bei
entsprechenden Begabungen eine Liedstrophe selber schreiben...?
- Eine Frühschicht mit 10 oder 20 Menschen in einer Seitenkapelle
kann in der Regel nicht mit der großen Kirchenorgel gestaltet
werden wohl aber mit einem Klavier, einer Gitarre, einem
anderen Instrument (vielleicht sogar einem elektronischen ...),
einem Soloinstrument? Ich erlebte einen Saxophonspieler, Sonderschüler
der 8. Klasse, der weit weg vom normalen Gemeindeleben stand und
sich wohl weder vor seiner Klasse noch vorne in der großen
Kirche zu spielen getraut hätte im geschützten
Kreis der Frühschicht legte er ein eindrucksvolles Solo hin,
dass uns begeisterte und wohl auch ihm selbst gut getan hat.
- Und vielleicht darf es auch wirklich einmal der CD-Player oder
der Kassetten-Rekorder sein und zeigen, dass Musik, die in die
Stille führt, nicht unbedingt aus der Abteilung Meditation/Esoterik
kommen muss, sondern dass auch Instrumentalwerke der Klassik,
des Jazz oder anderer U-Musik Impulse und Raum zur Meditation
eröffnen können.
Wäre es nicht eine große Bereicherung des Gemeindelebens,
wenn in der kommenden Fastenzeit eine der Frühschichten einen
kirchenmusikalischen Akzent hätte?
Stefan
Rau
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